Madonna vs. Balotelli

Über: Madonna Ciccone - Mario Balotelli - "Deutschland"

Am Morgen im Soho House war noch alles in Ordnung. Das Soho House ist ein Jugendclub mit Hotelzimmern, oder umgekehrt, jedenfalls muß man Mitglied sein und darf keine Krawatte tragen, dann kann man von der Dachterrasse aus auf eine mehrere Quadratkilometer große Kreuzung voller Baustellen schauen. Die Gäste und das Personal sehen alle aus wie der frühe Morrissey, sogar die Frauen; und eingerichtet ist es so, wie sich Erwachsene vorstellen, daß sich Kinder vorstellen, daß Erwachsene . . . – also: absurd große Ohrenlehnsofas, in denen tagein und tagaus aus Jil-Sander-Anzeigen entstiegene Medienmodels herumlungern wie in der Spiel- und Bastelecke vom Karstadt.

Es ist, vermutlich, logisch, daß die Popsängerin Madonna in Berlin ausschließlich hier Quartier nehmen konnte. Es stimmt aber nicht, was die Berliner Boulevardzeitungen behaupten: Daß sie alle Fitneßgeräte aus dem Gymnastikraum in ihr Zimmer verschleppt habe und wegen ihr das Restaurant geschlossen sei. Im Gegenteil, man kann fast ein bißchen enttäuschend problemlos von der Bar aus zusehen, wie der Sängerin Satrapen zum Frühstück (Obstsalat) schreiten. Und was würde man sagen, wenn Madonna plötzlich selbst hereingeschneit käme? Continue reading

Wenn noch mal einer Gentri… sagt!

Über: BMW Guggenheim - Tacheles - Touristen (spanische)

Wenn es losgeht, das Wort, klingt es noch ganz elegant und englisch, wenn es losgeht, klingt es, als könnte noch so etwas wie „Gentleman“ daraus werden. Aber was dann folgt, ist ein Haufen langgezogener Iiihs, drei Silben voller Ekel und Verachtung. Und am Ende scheppert, wie eine Tür, die ins Schloss fällt, das deutsche Bürokratensuffix „-ung“.

Das Schlimme an dem Wort ist, dass es offenbar keine Alternative dazu gibt. Das Schlimme ist, dass das für die Sache ebenfalls gilt.

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Oschwitz – Wie ich mal mit Rainald Goetz über Uwe Tellkamp aneinander vorbeisprach

Über: Dresdens Elbhang - Gußeisen-Literatur - Mimesis

Die Brücke zum Beispiel, die hat Tellkamp eindeutig von mir. Die Brücke über die Grundstraße, davon habe ich immer geträumt, wenn ich die Ulrichstraße runter mußte und drüben die Steglichstraße wieder rauf. Denn ich komme sozusagen aus Ostrom, aus dem, was Tellkamp perfiderweise Ostrom nennt, obwohl es Oberloschwitz heißt, wobei Ortsansässige der Art, wie nun ausgerechnet Tellkamp sie dauernd durch seinen Roman dozieren läßt, sicher einwenden würden, daß dieser Ortsteil eigentlich Schöne Aussicht heiße und Oberloschwitz hingegen das, was viele fälschlich schon für den Weißen Hirsch halten – so zum Beispiel eben Tellkamp, der seinen Hügel als Hort des Widerstands glorifiziert und meinen dagegen als Nest der Nomenklatura verunglimpft. Literatur darf so etwas, ich weiß. Da ich Tellkamps Buch aber nicht als Leser lesen kann, sondern nur als Insasse, als sein Material, empört es mich natürlich trotzdem, schon weil es in der wirklichen Wirklichkeit, wie ja nun jeder weiß, genau umgedreht war.

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Sodann und Gomorrha

Über: Peter Sodann - Norbert Blüm - Kabarett (politisches)

Natürlich ist das ein Ereignis, wenn ein Politiker plötzlich Kabarett macht. Ganz besonders dann, wenn der Politiker immer unter dem Verdacht stand, ein Kabarettist zu sein, der Politik macht. Es gibt Gründe, warum man Norbert Blüm auf einer Bühne stehen sehen will, wo er sich einen „Schlagabtausch“ mit Peter Sodann liefert, dem Schauspieler, der in der Rolle des unsympathischsten und schlechtestgelaunten aller „Tatort“-Kommissare zum Publikumsliebling geworden ist. Es ist auch nicht uninteressant, wer da wegen wem kommt, welches Publikum Blüm anzieht und welches Sodann, wer Wessi ist und wer Ossi, und woran man das heute noch erkennt. Man erkennt es

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