Die ältesten Stellen der deutschen Hauptstadt sind zurzeit auch die, die am trostlosesten aussehen, und das will bei den Berliner Standards etwas heißen. Die Keimzelle der Stadt ist der Mühlendamm, heute eine unspektakuläre Betonbrücke über die Spree, die zuletzt um die Hälfte der Fahrbahnen schmaler gemacht wurde, wodurch sich nun Tag und Nacht ein Verkehrsstau bildet, der wiederum durchaus spektakulär ist.
„Der Mühlendamm, das Herz Berlins, ist eine langweilig und lieblos gebaute Brücke“, schrieb Walther Kiaulehn schon in den Fünfzigerjahren: „Der Damm, der die Spree durchzieht, dazu eine Handvoll Häuser rechts und links vom Fluß, das war ursprünglich einmal die ganze Stadt. Genauer gesagt zwei Städte. Die ältere hieß Cölln, die jüngere Berlin.“ Die Cöllner seien Fischer gewesen, die Berliner hingegen „Fuhrleute und Gastwirte“. Der Mühlendamm habe diese beiden Städte nicht nur verbunden, sondern auch getrennt: „Die Cöllner mochten die Berliner nicht, die Berliner verachteten ganz Cölln.“
Kiaulehn war Kriminalreporter, Kumpel von Erich Kästner, Kabarettist, schließlich Feuilletonchef vom Münchner Merkur. Man darf sagen: Er hat hier in die Dramatisierung der Berliner Frühgeschichte reingelegt, was möglich war. Das nächste erzählenswerte Ereignis in seinem schwungvollen Buch über die Geschichte seiner Heimatstadt ist dann auch schon der gewaltsame Protest gegen die Hohenzollern, die viele Jahrhunderte später eine Burg in der Nähe des Mühlendamms errichteten – in die Geschichte eingegangen unter dem griffigen Namen „Berliner Unwille“.
In Wahrheit weiß niemand, welcher Teil der Stadt eher da war, Cölln oder Berlin. Und in Wahrheit interessieren sich die meisten auch eher für die jüngere Geschichte Berlins, von Barock bis Berghain. Das hat sich allerdings geändert, seit dort, wo der Mühlendamm auf der Alt-Berliner Seite endet, nämlich am sogenannten Molkenmarkt, ein Stadtviertel der Zukunft entstehen soll. Wobei dabei aber zunächst einmal eine archäologische Ausgrabungsstätte entstanden ist, die mittlerweile etwas vom Forum Romanum an sich hat. Es hört einfach nicht auf: Schon 700 000 Fundstücke wurden hier geborgen. Von einem jahrhundertealten Holzbohlenweg über Kämme, Tonkrüge und Münzen bis zu einer Socke aus dem 15. Jahrhundert.
Die Funde werden erst untersucht und kommen dann auf die andere Seite des Mühlendamms ins sogenannte Petri Berlin. Das Petri ist ein diesen Sommer erst eingeweihtes Museum und das Beste, was wiederum Alt-Cölln in den letzten Jahren passiert ist. Der Münchner Architekt Florian Nagel hat da eine Art Schatulle über die Ausgrabungsstätten der mittelalterlichen Lateinschule und der Petrikirche gesetzt. Man steigt im Inneren nur ein paar Stufen hinab und steht fast tausend Jahre tiefer. (…)
Der vollständige Artikel erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 4.9.2025 und kann online hier gelesen werden.