Lenins Hirn in kleinen Scheiben

Ausgerechnet Dr. Nonne wurde gerufen, als es mit Lenin zu Ende ging. Ausgerechnet der strammdeutsche, nationalistische Neurologe Max Nonne aus Hamburg wurde von einem Emissär der sowjetischen Botschaft gebeten, Ende 1923 nach dem Revolutionsführer zu schauen, bevor der im Januar 1924 in Gorki bei Moskau starb.

Dabei hatte Nonne sich ein paar Jahre vorher noch vor kommunistischen Soldaten verstecken müssen, weil die ihn am Ende des Ersten Weltkriegs erschießen wollten. Die damalige Assistenzärztin Rahel Plaut hat auf Skizzen in ihrem Kalender die „Bolschewikenwagen“ festgehalten, mit denen sie das Gelände des Universitätskrankenhauses Eppendorf nach ihm absuchten. Grund genug hatten sie.

Wie die Hamburger Ausstellung „Lenins Tod“ faszinierend aufzeigt, war Nonne berühmt und berüchtigt dafür, traumatisierte Soldaten aus den Lazaretten mit Hypnose und zur Not selbst mithilfe qualvoller Elektroschocks wieder fit für den Fronteinsatz zu machen. Er prahlte damit, dass manche aus Furcht vor seiner Behandlung schon bei Betreten des Klinikgeländes wundersam geheilt würden, worauf man sie wieder „kriegsverwendungsfähig“ schreiben konnte. Er ließ ihnen schließlich nur die Wahl zwischen Rückkehr in die Schützengräben und etwas, das man heute als Folter bezeichnen würde.

Auf genau diesem Klinikgelände wird nun im Medizinhistorischen Museum von Hamburg diese Ausstellung gezeigt, in der erstaunlich viel zusammenkommt: Lenins Krankenakte und Nonnes Elektroschockgerät, die Aufzeichnungen der Rahel Plaut, die nach England fliehen konnte und ihren einstigen Chef nicht nur als Sadisten und Snob, sondern auch als eingefleischten Antisemiten beschrieb, während in Hamburg noch Straßen nach ihm benannt waren.

Außerdem sieht man fein geschnittene Scheiben wie aus Lenins Gehirn unterm Mikroskop, Trauerbriefmarken, Nazi-Totenkulte, der Kunsthistoriker Aby Warburg hat einen wichtigen Auftritt, auch Che Guevara und schließlich sogar Putin. Was hier von Philipp Osten, dem Leiter des Medizinhistorischen Museums, als Vitrinen-Ausstellung in nur zwei Räume gepackt wurde, ist praktisch ein politischer Jahrhundertroman, wenn nicht zwei oder drei.

Da ist zunächst die dämonische Figur des Dr. Nonne, der in Hamburg bis vor relativ Kurzem noch in allerhöchsten Ehren stand. Dabei gründete sich sein Ruf als Mediziner nicht unwesentlich auf einem Habitus von Autorität und Herablassung. Man fragt sich fast, ob Thomas Mann diesen Nonne kannte und beim Schreiben an ihn gedacht hat.

Und zwar nicht so sehr bei den majestätischen Sanatoriumsleitern im „Zauberberg“ und im „Tristan“, sondern bei dem grausamen Hypnotiseur in „Mario und der Zauberer“. Auf einem Film von 1917 ist Nonne zu sehen, wie er verschiedene hypnotisierte Soldaten vorführt – ausdrücklich auch im Sinne von: demütigt. „Ich habe die Kranken sich stets ganz nackt ausziehen lassen“, schreibt er später stolz, „denn ich finde, dass dadurch das Gefühl der Abhängigkeit bzw. der Hilflosigkeit erhöht wird.“ (…)

Der vollständige Text erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 1.7.2025 und kann online hier gelesen werden.