Reifes Alter unter Palmen

Dreieck des Impressionismus: Camille Claudel liebte Auguste Rodin und litt an ihm. Der Deutsche Bernhard Hoetger imitierte ihn. Die Alte Nationalgalerie zeigt nun, wie beide sich auf ihre Weise von ihm emanzipierten.

Ende 1905 standen zwei Namen auf dem Ausstellungsplakat der Pariser Galerie Eugene Blot, die auf den ersten Blick denkbar wenig miteinander zu tun hatten: Exposition d’Œuvres de Camille Claudel et de Bernard Hoetger. Camille Claudel war damals 41, also fast selbst so alt wie einst Auguste Rodin, als der die 24 Jahre jüngere Claudel als Schülerin annahm und schließlich die berühmt gewordene, konfliktive Liebesbeziehung mit ihr einging, die zum Zeitpunkt der Ausstellung allerdings längst beendet war. Das Jahr 1905 gilt vielmehr als der Moment, in dem die psychischen Leiden Claudels manifest wurden, derentwegen sie auf Druck ihrer Familie acht Jahre später in eine der psychiatrischen Einrichtungen zog, in denen sie den Rest ihres Lebens verbringen würde.

Bernhard Hoetger hingegen war zehn Jahre jünger, und obwohl sie seinen Namen auf dem Ausstellungsplakat mit aller Kraft französischer klingen lassen haben, sogar mit Ligatur aus O und E, so wie bei dem Wort Œuvre, war er doch unverkennbar ein Deutscher aus Dortmund. Während Claudel heute weltberühmt ist, wegen ihrer Skulpturen, aber auch wegen ihrer tragischen Geschichte mit Rodin, verbindet sich Hoetgers Name heute eher mit Bremen, wo er auf Engagement des mit Kaffee reich gewordenen Mäzens Roselius die Böttcherstraße zum expressionstisch-lebensreformerischen Kulturzentrum ausbaute. Als er später sogar versuchte, sich als besonders kerndeutscher Künstler den Nazis anzudienen, die ihn aber schon der Hitler verhassten „Böttcherstraßenkultur“ wegen ablehnten, hatte er sich maximal von seinem ersten Leben als Künstler entfernt.

Denn das hatte nun einmal in Frankreich stattgefunden, in inniger Umarmung des französischen Impressionismus. Deutsche Künstler gab es in Paris zur Jahrhundertwende viele, angelockt vom Ruf der Stadt als Kunstmetropole, wo sie von Berühmtheiten lernen und eventuell selbst den Durchbruch schaffen könnten. Hoetger gelang damals gleich beides. Das Einzige, das ihn mit Claudel verband, war nämlich die Tatsache, dass er als Bildhauer mit beträchtlichem Erfolg ebenfalls dem übermächtigen Vorbild Rodins folgte – allerdings nur von dessen Skulpturen lernend, nicht in einem direkten Schülerverhältnis im Atelier. Trotzdem, oder gerade deswegen, zeigt sich, dass seine Skulpturen und Zeichnungen oft rodinesker gerieten als die Claudels, mitunter sogar als die von Rodin selbst.

Das kann man sich jetzt noch einmal im Detail ansehen, denn in der Alten Nationalgalerie wird die Ausstellung von 1905 jetzt noch einmal wiederaufgeführt. „Camille Claudel & Bernhard Hoetger – Emanzipation von Rodin“ war zuerst in Bremen zu sehen und wird danach noch ins Musée Camille Claudel nach Nogent-sur-Seine wandern. Und natürlich sind nicht nur Arbeiten Claudels und Hoetgers aus der damaligen Ausstellung wieder zusammengekommen, Rodin ist ebenfalls vertreten.

Das war er indirekt ja damals auch, als stilistischer Mentor, aber auch als Motiv. Als spektakulärste Leihgabe ist tatsächlich die im Pariser Musée Rodin beheimatete Version von Claudels Skulpturengruppe „L’âge mur“, das reife Alter, nach Berlin gekommen. Die Nationalgalerie durfte sich ja voriges Jahr schon über den Ankauf der Kleinskulptur „L’implorante“, die Flehende, freuen, in der man auch ein Selbstporträt Claudels sehen kann. Jetzt ist hier auch zu sehen, worum die Flehende fleht: den entschwindenden Geliebten nämlich, also Rodin, der von einer alten Frau weggeführt wird. Ob diese Alte nun eher den Lauf der Dinge personifizieren soll oder tatsächlich, wie von Claudels Bruder einst in die Welt gesetzt, die kurz vorm Tod noch geehelichte eigentliche Lebensgefährtin Rodins, wird hier nicht näher thematisiert. (…)

Der vollständige Text erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 13.6.2025 und kann online hier gelesen werden.