Berlin noir

Das Reich der Finsternis begann direkt hinter dem U-Bahnhof „Krumme Lanke“. Berlin, vor allem der Westteil, ist nachts zwar generell vergleichsweise dunkel für eine Stadt dieser Größe; das war schon so, als es in der City West noch Neonreklame gab, wie man in Filmen wie Uli Edels „Christiane F.“ sehen kann. Aber was jetzt jenseits des U-Bahnhofs Krumme Lanke begann, war eben keine Berliner Normaldunkelheit in einer Januarnacht. Sondern eine fundamentale Finsternis auf etlichen Ebenen.
Der Anschlag auf die Stromversorgung im Südwesten Berlins hat am Wochenende das Licht ab hier ganz ausgeknipst. Dass der Mexikoplatz einer der schöneren der Stadt ist: nicht mehr zu erkennen. Weil der ganze Mexikoplatz nicht zu erkennen war. Statt der Jugendstilbauten links und rechts der Straße hätten da auch die Kiefern des Grunewalds stehen können. Schwarz ist schwarz. Dazu Schnee auf den Straßen und Schnee aus dem Himmel: Wer Sonntagnacht durch diese Gegend fuhr, hatte die Phänomene Whiteout und Blackout in seltener Einhelligkeit vor Augen.
Auf manchen Straßen leuchteten schon wieder heruntergedimmte Straßenlaternen, andere lagen in vollkommenem Schwarz. Mal stand dazwischen ein Haus mit voller Festbeleuchtung in sämtlichen Fenstern, als hätte es dank eigener Stromversorgung mit alldem nichts zu tun. Dann wieder lagen Straßenzüge wie von jedem Leben verlassen. Mitunter sah man Kerzenlicht hinter einem Fenster. In einem Haus beim Wannsee war es tatsächlich noch der Weihnachtsschmuck, der das einzige Licht in die Seitenstraße warf.
So kurz vorm Dreikönigstag war so ein einsamer Weihnachtsstern natürlich von bizarrer Wortwörtlichkeit. Und natürlich hatte das gerade nach dem Geballer zu Silvester etwas von „Stille Nacht“ und guter alter Zeit, in der es nach Sonnenuntergang halt dunkel war, und die Menschen dann mit den Hühnern wieder aufstanden. Aber wer nicht nur in frommen Gesangs- und Kinderbüchern blättert, sondern gelegentlich auch in solchen zur Kultur- und Sozialgeschichte, der findet dort viel darüber, wie angstbesetzt der Einbruch der Dunkelheit gerade in der Vormoderne war. Das Schließen der Stadttore, die Verpflichtung, Fackeln zu tragen, wenn man nachts außer Haus geht, das polizeiliche Bemühen um die Einführung einer Straßenbeleuchtung: Das alles erzählt von einer ständigen elementaren Furcht um Leib und Leben, Hab und Gut. Mit dieser Furcht ist der Begriff Blackout in den USA nicht ohne Grund heute noch imprägniert…

Der vollständige Artikel erschien am 5.1.25 auf sz.de und am 7.1. in der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung, er kann in Gänze hier gelesen werden.