Das ist schon episch

Das neue Album von Megadeth heißt „Megadeth“ und soll das letzte von Megadeth sein. Sagt Dave Mustaine. Und als Gründer, Boss sowie einziges von ihm selbst noch nie gefeuertes Mitglied von Megadeth ist Dave Mustaine schließlich Megadeth.

Was Dave Mustaine darüber hinaus aber auch ist: inzwischen bereits 64 Jahre alt. Seit einiger Zeit behauptet er auch, wiedergeborener Christ zu sein. Das muss man respektieren, zumal als Therapeutikum nach all den Jahrzehnten zwischenmenschlich problematischen Verhaltens aufgrund von Drogensucht und Alkoholismus. Wobei in dem Zusammenhang aufhorchen ließ, dass Mustaine zusätzlich zum seit 2013 betriebenen Nebenerwerb Weinhandel (House of Mustaine – Unique Wines The World Hasn’t Discovered Yet …) voriges Jahr auch ins Brauereigeschäft eingestiegen ist (Megadeth Beer – For Those Who Live Loud …). Aber wer die Platten von Megadeth hört, von der ersten, 1985 erschienenen bis jetzt zur vorgeblich letzten, muss zu dem Schluss kommen, dass David Scott Mustaine aus dem kalifornischen La Mesa in Wirklichkeit vielmehr die Wiedergeburt des Rumpelstilzchens ist, von dem schon die Gebrüder Grimm berichteten.

Seine Mutter dürfte ihm als Kind davon erzählt haben, immerhin eine Deutsche aus Essen; außerdem ist die Geschichte auch auf Englisch geläufig, dort unter dem Titel „Rumpelstiltskin“. Jedenfalls ist Mustaine auf dieser ästhetischen und inhaltlichen Grundlage eine beachtliche Karriere gelungen. Über vier Jahrzehnte hinweg als 1,83-Meter-Giftzwerg mit wutbebender Stimme ins Flammengeprassel der eigenen Gitarrenriffs hineinzuzetern, das muss man erst einmal durchhalten. Der Gegenstand dieses Gezeters war vorgeblich zwar alles Mögliche, eigentlich aber wie im Märchen immer dies: Kränkung, Stolz und Rachedurst.

Das macht die Sache so episch. Die Geschichte von Dave Mustaine und Megadeth ist im Grunde ein Vergeltungsfeldzug wie aus der Antike. Tragisch? Sehr sogar. Aber seit dem Tag, als Dave Mustaine als Gitarrist bei der Band Metallica rausflog (offizielle Begründung: zwischenmenschlich problematisches Verhalten aufgrund von Drogensucht und Alkoholismus), durfte jeder, der sich sowohl für harten Metal als auch für menschliche Dramen interessiert, eine extragroße Portion Kinopopcorn bereitstellen und wurde nie enttäuscht.

Dass er rausflog, bevor Metallica ihre ersten Platten rausbrachten, obwohl er an denen noch mitgeschrieben hatte, und dass er rausflog, bevor Metallica also auch mit seinem Material zur erfolgreichsten Band des gesamten Genres wurde: Das hat Mustaine nie verwunden und immer wieder aufs Neue beklagt, bejammert und angeprangert. Er hatte das sogar noch beklagt, bejammert und angeprangert, als in dem Dokumentarfilm „Some Kind of Monster“ 2004 die zwischenmenschlichen Probleme aufgrund von Drogen und Alkoholismus der verbliebenen Metallica-Mitglieder aufgearbeitet wurden. Denn wer kam da am Ende um die Ecke, um allen mal zu erzählen, wer als Einziger wirklich zu leiden hatte? Genau.

Dabei hatte Mustaine mit Megadeth zu dem Zeitpunkt eigentlich die künstlerisch konsistentere Karriere. Über das deprimierende Rumpel-Loch, in das sich seine ehemaligen Kollegen während der Neunziger manövriert hatten, war er scheinbar ungerührt hinweggerast. Megadeth hatten Metallica sozusagen auf der linken Spur überholt, spielten schneller und hatten sogar einen vagen Anstrich von sozialkritischem Bewusstsein für die Widrigkeiten der Realwelt, während die anderen im Märchenwald mit Dämonen rangen….

Der vollständige Artikel erschien am 12.2.2026 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und kann online hier gelesen werden.