Ihre Sitzung begann vor 12 000 Jahren

Die eine macht ein langes Gesicht. Eine schaut grimmig. Eine bläst die Backen auf und sieht aus, als würde sie ratlos Luft durch die geschürzten Lippen blubbern lassen. Die Figuren haben etwas von Karikaturen, wie sie gern an den Rand von Konferenznotizen gekritzelt werden. Oder von den Kacheln, aus denen einen Kollegen bei länglichen Videokonferenzen anschauen. Nur sind sie in diesem Fall aus Stein gehauen und rund 12 000 Jahre alt. Aber einen Zusammenhang mit Sitzungen gibt es trotzdem.

Die ausdrucksstarken Grimassen finden sich in einem erstaunlichen Kontext. In der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel werden jetzt Funde aus Göbeklitepe im Südosten der Türkei gezeigt. Die meisten stammen aus dem Archäologischen Museum Şanlıurfa und waren noch nie zuvor im Ausland zu sehen. Das allein macht diese Ausstellung des Vorderasiatischen Museums schon hinreichend spektakulär.

Die schiere Ausdrucksstärke der menschlichen Figuren, die hier dargestellt sind, die erstaunliche Betonung individueller Eigenheiten und ihre mutwilligen Grimassen: Das macht dieses Gastspiel zurzeit aber auch zu einer der eindrucksvollsten Kunstausstellungen in der Stadt. Der spanischen Fotografin Isabel Muñoz, die dramatische Großaufnahmen davon angefertigt hat, fiel dazu das alte Picasso-Zitat wieder ein, wonach die Menschheit seit den Höhlenmalereien von Lascaux nichts Neues dazugelernt habe.

Nun hatte die Menschheit allerdings vor rund fünf Jahren erst etwas dazulernen können, nämlich in dem Buch „The Dawn of Everything“ (auf Deutsch als „Anfänge – Eine neue Geschichte der Menschheit“ bei Klett-Cotta erschienen), das David Graeber kurz vor seinem Tod zusammen mit dem Archäologen David Wengrow geschrieben hatte.

Graeber, der nicht nur ein anarchistisch interessierter Anthropologe war, sondern auch ein anthropologisch argumentierender Anarchist, nahm darin ausgerechnet Göbeklitepe als Beleg dafür, dass es gar keine neolithische Revolution, keine Landwirtschaft, keine Sesshaftigkeit und also auch nicht Ärgernisse wie institutionalisierte Ungleichheit, Klassenschranken oder gar Sklaverei gebraucht habe, um hochkulturelle Komplexitäten wie diese Tempelanlagen anzulegen, die man allgemein für die ältesten in der Geschichte der Menschheit hält. Seiner und Wengrows Darstellung nach waren das nämlich noch Anlagen und Kunstwerke, die von vergleichsweise egalitär lebenden Jägern und Sammlern stammten.

Das Buch, das nicht zufällig zum Weltbestseller wurde, hatte es sich ja zur Aufgabe gemacht, endlich Jean-Jacques Rousseaus deprimierende „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ von 1754 zu widerlegen. Der hatte die heikle Gedankenfigur vom „edlen Wilden“ zwar nicht erfunden, aber doch sehr popularisiert. Und zwar ohne deswegen gleich der noch viel deprimierenderen Gegenthese von Thomas Hobbes recht zu geben, wonach das Leben der Menschen vor der Zähmung durch repressive Sozialstrukturen keineswegs unschuldig und edel, sondern vielmehr „einsam, armselig, scheußlich, tierisch und kurz“ gewesen sei.

In der Berliner Ausstellung steht Göbeklitepe nun doch wieder eher für die neolithische Revolution, den Beginn von Sesshaftigkeit, Landwirtschaft, sozialen Gemeinwesen, aber auch organisierter Ungleichheit. Ihr Titel „Gebaute Gemeinschaft“ verortet sie, wenn man so will, erst einmal eher im Team Hobbes. Das gilt auch für das ein bisschen sehr aktuellpolitisch pädagogisierend klingende Lob vom solidarischen Gemeinschaftsgeist in den Ausstellungstexten, so als wären die Jäger und Sammler zuvor nur als libertäre Eigenbrötler durch den Wilden Osten gezogen und nicht ebenfalls schon in arbeitsteiligen Sozialverbänden.