Alter!

Als bei den betagten Eltern das Alter dann wirklich zuschlug, als also nach den vielen noch erfüllten Jahren im Ruhestand auf einmal nicht mehr die Rentenkasse mit ihren regelmäßigen kleinen Anpassungen an die Teuerung das zentrale Thema war, sondern die Pflegekasse und der Medizinische Dienst und die Einstufung in die Pflegegrade und das Ende der sogenannten Häuslichkeit in der nach all den Jahrzehnten vergleichsweise günstigen Mietwohnung sowie die Kosten in den Einrichtungen, die sich manchmal vornehm Residenz nennen und manchmal auch nur Heim, aber immer, immer, immer selbst nach Abzug der Kassensätze noch mehr Zuzahlungen erfordern, als durch alle Renten plus Zusatzrenten reinkommt: Da hatte das selbst bereits in seinen mittleren Jahren befindliche Kind, das sich um all das kümmern durfte, einmal eine verblüffende Unterredung mit einer Seniorenberaterin der Diakonie, die bei diesen Dingen kompetent und hilfreich war.

Sie erklärte, wer am Ende für die immensen Kosten aufkommen müsse, wenn das Ersparte nun mal aufgebraucht sei. Und dass der Begriff Schonvermögen nicht daher rührt, dass 10 000 Euro in dem Fall schon als Vermögen gelten. Sondern dass das alles ist, was manchen Angehörigen im Ernstfall für die eigene Vorsorge gelassen wird. Und dass mittlerweile fast schon im Normalfall trotzdem das Sozialamt einspringen müsse. „Also die Allgemeinheit. Also auch wir beide“, fügte sie fast frohgemut an: „Nur, wenn wir mal in dem Alter sind, wird nichts mehr übrig sein. Für uns muss sich Vater Staat dann was anderes einfallen lassen.“

„Woran denken Sie? Rentenbeginn mit 80?“
„Wird nicht reichen.“
„90?“
„Eher so an eine blaue Pille, die man, wenn es Zeit ist, per Post bekommt.“

Aus dem Kontext ging hervor, dass die Dame von der Diakonie damit kein Viagra meinte. Sondern die Art von Pille, deretwegen sich in Edward Docxʼ Erfolgsbuch „Am Ende der Reise“ ein unheilbar kranker Mann heimlich und heiterer Stimmung von seinen Kindern ins Sterbehilfeparadies Schweiz fahren lässt. Was sagt man da?

„Oha.“ Und: „Das von jemandem aus der Kirche!“

Die Dame antwortete sinngemäß, dass sie nun mal nicht nur Mitglied der Kirche sei, sondern auch des sozialen Solidarsystems der Bundesrepublik – und dass sie leider halbwegs rechnen könne. Dann fuhr sie fort, ohne jeden weiteren Sarkasmus das bürokratische Prozedere zu erklären, solange das System formal noch in Betrieb ist.

Der Stress, den man damit als Angehöriger im Hier und Heute hat, lenkt immerhin gut von den Sorgen ab, die man sich anderenfalls um sich selbst für später machen müsste. Das schiere Ausmaß des Problems verleitet außerdem nicht nur Seniorendienstleister zu fröhlichem Fatalismus.

Wer noch mitten im Berufsleben steckt, hat mittlerweile dermaßen viel über den unausweichlichen Kollaps der Systeme gehört, dass er die Rente innerlich oft als zusätzliche Steuerlast wegverbucht und für sich selbst aus den Einzahlungen kaum was Substanzielles zurückerwartet. Wer mutig genug ist, die regelmäßig eintrudelnden Zahlungsprognosen der Rentenkasse ins Verhältnis zu Nettogehalt und Bruttomiete zu setzen, empfände jede Hochsetzung des Renteneintrittsalters auf 80, 90 oder 100 eher als Erlösung. Und an Leuten, die sich tatsächlich lieber von ihren Kindern am Ende „in die Schweiz“ fahren lassen wollen, als jemandem „zur Last zu fallen“, besteht tatsächlich kein Mangel.

„Mangeln wird es in Zukunft nur an den Kindern, die sie hinfahren könnten.“

Das war jetzt wiederum ein Zitat aus einer kürzlichen Unterhaltung mit einem Westdeutschen des Jahrgangs 1966. Also mit einem Mann, der noch in diesem Jahr 60. Geburtstag zu feiern hat. Zu diesem persönlichen Drama versuchte er dadurch eine gewisse Distanz herzustellen, dass er es in einen größeren Rahmen stellte: „Es ist der letzte Jahrgang der Babyboomer, der jetzt 60 wird. 1967 wurde die Pille auch für Unverheiratete zugelassen. 1968 war 1968. Und 1969 war die erste Mondlandung. Danach ging alles rückwärts.“ …

Der vollständige Artikel erschien am 24.6.2026 in der Süddeutschen Zeitung und kann in Gänze hier gelesen werden.