Augen zu und durch

„I can’t get no sleep!“, erklärt der junge Mann höflich in die Kamera hinein, aber es klingt auch ein klitzekleines bisschen gereizt. So als hätte seine Mutter ihn eben gefragt, warum um Gottes willen er mitten in der Nacht in seinem besten Anzug durch die nicht unbedingt besten Gegenden von London geistert, statt schön im Bettchen zu liegen. Als er es zum dritten Mal sagt, kommt zur Belohnung diese zuckerig funkelnde Sandmännchen-Melodie heruntergeregnet, die den Song „Insomnia“ von der Band Faithless damals zu so einem Monsterhit gemacht hat.

Exakt 30 Jahre ist das jetzt her, November/Dezember 1995. Exakt 30 Jahre davor war übrigens „I can’t get no Satisfaction“ die Zeile aus London gewesen, die eine globale Stimmungslage auf den Punkt zu bringen schien. Aber im Winter 1995 hatte sich die Lage offensichtlich komplett gedreht, gerade auf den Dancefloors: Es waren viel zu viele Satisfaktionen und Satisfaktiönchen, die den Leuten verabreicht wurden, um an Schlaf überhaupt zu denken. Daran waren natürlich nicht nur DJs beteiligt, sondern oft genug auch Dealer.

Techno hatte seinen ersten Höhepunkt erreicht damals, und aus dem englischen Bürokratenbegriff „after hours“, der ja nichts weiter als „nach Geschäftsschluss“ bedeutet, waren die berüchtigten „Afterhours“ gemacht worden, der Inbegriff des Immer-weiter-Feierns. Ob das damals aus Gründen der Sperrstundenumgehung in dem Münchner Club Babalu angefangen hatte oder doch irgendwo auf Ibiza, ist Sache der Fachhistoriker. Im Winter ’95 reichten vor allem in Frankfurt und Berlin die Afterhours längst bis an den Beginn des nächsten Wochenendes.

Dieser speziellen Welt sollte DJ Tobias Lützenkirchen mit seiner Druffi-Hymne „Drei Tage wach“ Jahre später ein heiteres Denkmal setzen (unter anderem mit den schönen Zeilen „Punkt, Punkt, Komma klar! / Du warst doch gestern auch schon da“). Und in dieser speziellen Welt war man über „Insomnia“ von Faithless von vornherein schon weit hinaus, was der Rolle des Stücks für den Zeitgeist aber keinen Abbruch tut. Denn dieser Song war am Ende das, was von den Exzessen des Techno dann auch in den Großraumdiscos auf dem flachen Land ankam, wo die tiefer gelegten Ford Fiestas mit den „Schlafen können wir, wenn wir tot sind“-Aufklebern am Heck parkten und wo der wesentliche Wachmacher eher Wodka Red Bull hieß als Koks oder Ecstasy. Das machte „Insomnia“ nur noch repräsentativer. Und im Musikfernsehen lief dauernd das Video dazu. Smartphones, auf denen man sich die Nächte um die Ohren scrollen konnte, gab es ja noch nicht, nur MTV und Viva und bizarre Telefonsex-Werbeclips auf den Sportkanälen. In Talkshows wurde über die Spaßgesellschaft geklagt. Mit anderen Worten: irre lange her. Aber wenn man sich nun aus Gründen des Jubiläums das Stück „Insomnia“ heute mal wieder anhört, fällt auf einmal auf, was für ein Missverständnis das offenbar war……

Der vollständige Text erschien – mit vielen Abbildungen aus der Pariser Ausstellung – in der Süddeutschen Zeitung vom 20.12.2025 und kann online hier gelesen werden.