Vielleicht muss man das Wort getrennt schreiben, das sich am meisten mit dem Werk von Arnulf Rainer verbindet. Die „Über-Malungen“, mit denen Rainer bekannt wurde, waren schließlich immer auch Reflexionen über das Malen. Und das, was da übermalt wurde, eigene Bilder, fremde Bilder, Fotos, die waren damit ja nicht weg, sondern die wurden durch die Übermalung nur noch sehenswerter: So wie wenn jemand mit dem Stift in einem Buch eine besonders wichtige Stelle dermaßen vehement anstreicht, dass sie kaum noch zu lesen ist. Mit Rainers Übermalungen verhielt es sich also gar nicht so viel anders als mit Hegels berühmter Dialektik des „Aufhebens“. Und das ist ja schon mal was für jemanden, der ein trotziger Autodidakt war, weil er amtlichen Unterricht im Malen so abstoßend fand.
Der 1929 in Baden bei Wien geborene Rainer hat selbst aktenkundig gemacht, dass er Anfang der 1940er eine Nazi-Eliteschule unter Protest verlassen habe, weil er dort im Kunstunterricht gezwungen werden sollte, nach der Natur zu zeichnen. Die Wiener Kunstakademie wiederum schmiss er nach drei Tagen, weil seine Arbeiten dort – Ende der 1940er-Jahre noch! – als „entartet“ bezeichnet worden seien.
Rainers eigentliche Schule der Malerei wurde Paris, wo er auf Studienreisen erst den Surrealismus für sich entdeckte, dann die Werke von jungen Amerikanern, die ganz ungegenständlich malten, dafür die Geste des Malens selbst ausstellten, Leute wie Jackson Pollock und andere sogenannte „Action Painters“. Und dann natürlich die Antwort der Europäer: Informel, Tachismus. Rainer nahm praktisch alles in sich auf, was sein Landsmann, der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr, zu genau derselben Zeit in seinem kulturkonservativen Klagemanifest an der Kunst der Moderne als „Verlust der Mitte“ geißelte, womit er nicht zuletzt den religiösen Bezug aufs christliche Menschenbild meinte. Und Rainer? Malte in dieser modernen Manier Bilder, die dann trotzdem zum Beispiel „Ausgießung des Heiligen Geistes“ hießen, als wären es Altarbilder aus dem Barock…
Der vollständige Text erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 22.12.2025 und kann online hier in Gänze gelesen werden.