Fehlt seit 50 Jahren

Vor genau 50 Jahren, am 9. Juli 1975, stieg auf Cape Cod in den USA ein sehr langer Holländer in ein sehr kurzes Segelboot und machte sich auf den Weg, ganz allein den Atlantik zu überqueren. Auf der anderen Seite sollte er allerdings nie ankommen. Viele Monate später wurde das Boot von spanischen Fischern in den Gewässern vor Irland geborgen. Von Bas Jan Ader aber, dem Segler, fehlte jede Spur.

Das ist bis heute die übliche Formulierung. Manchmal heißt es auch, er sei „verschollen“. Dass Bas Jan Ader sehr wahrscheinlich seit fünfzig Jahren tot sein dürfte, von einem Sturm aus seinem Minisegelboot geschleudert und ertrunken, das liest man nie, und das wird man auch nie lesen, solange keine letzte Gewissheit über seinen Tod, sondern zumindest theoretisch sogar noch die Möglichkeit besteht, dass Ader irgendwo zwischen Island und den Azoren ein anderes Leben angefangen hat. Er wäre in dem Fall jetzt 83.

Der Sprachgebrauch passt immerhin zu der messianischen Verehrung, die Bas Jan Ader nun seit fünf Jahrzehnten in der Welt der Konzeptkunst gilt – nur dass bei ihm halt nicht das Kommen, sondern das Verschwinden im Unklaren liegt.

Denn selbst wer meinte, Aders konzeptuelle Foto- und Videoarbeiten einigermaßen zu kennen, steht erstaunt vor ganz frühen Zeichnungen und Malereien. Nun ist zwar alles, was Ader im Alter von 33 Jahren hinterlassen hat, eigentlich Frühwerk, aber die Zeichnungen und Malereien sind noch einmal eine Vorstufe dazu. Gleichzeitig sind sie eindeutig mehr als nur Jugendarbeiten. Man kann nachvollziehen, dass Ader, der als Jugendlicher ohne formellen Schulabschluss an eine Amsterdamer Kunstschule kam und von dort in ein Austauschprogramm mit einer Schule in Bethesda, Maryland, gewechselt war, schon 1961 eine erste Galerieausstellung im nahen Washington D.C. bekam.

Man findet auf diesen frühen Bildern auch schon eine Menge der Motive, die in seinem späteren Werk noch eine Rolle spielen sollten: Blumen, Selbstporträts, Landschaften, im Grunde das Repertoire der alten Holländer. Da Ader ein jetztzeitlicher Holländer war, kamen bei ihm noch Fahrräder dazu. Es ist jedenfalls kein Wunder, dass er offensichtlich nur halb ironisch von sich selbst als einem „niederländischen Meister“ sprach. (…)

Der vollständige Text erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 9.7.2025 und kann online hier gelesen werden.