Nicht weit von der sogenannten Anschlussstelle Ferch kommt man auf der Autobahn Richtung Berlin an großen Kiefernwäldern vorbei. Und ja, man kann sich diese Kiefernwälder dadurch noch ein bisschen schöner reden, dass man sie mit denen an der französischen Atlantikküste vergleicht, auch wenn dann trotzdem nicht Lacanau und der Ozean kommen, sondern nur Potsdam und die Havel, aber immerhin auch eine Parforceheide und ein Schloss Sanssouci und noch ein paar andere Dinge, denen man französische Namen verpasst hat. Dennoch ist es fast ein kleiner Schock, Landschaftsbilder aus Ferch am Schwielowsee direkt neben Gemälden aus den Schulen von Barbizon und Fontainebleau hängen zu sehen. Und ein „Siel bei Kähnsdorf“, heute gleich auf der anderen Seite der A10, neben einer „Schleuse im Tal von Optevoz“, Südostfrankreich.
Das Exotische sind dabei eben nicht die berühmten französischen Landschaftsbilder aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sondern die aus der Mark Brandenburg. Die jetzt gerade in Frankfurt zu sehen sind. Und von einem Wiener stammen. Von dem es hieß, dass er in München zu dem geworden sei, was er war. Und dann allerdings auch in Italien. Bevor er in Paris seine Meister und seine Heimat fand. Vor allem davon will die Ausstellung „Carl Schuch & Frankreich“ im Frankfurter Städel-Museum erzählen; das geht aber nun einmal nicht ohne die vielen anderen Stationen in seinem Leben.
Carl Schuch ist eine dieser interessanten Figuren aus der zweiten Reihe der Kunstgeschichte. Einer, der erst entdeckt wurde, als es für ihn eigentlich schon zu spät war, dann trotzdem wieder in Vergessenheit geriet – und in Frankfurt nun zum zweiten Mal entdeckt werden soll. Seine Künstlerexistenz ist schon soziologisch interessant. Schuch, der 1845 zur Welt kam, stammte aus wohlhabenden Verhältnissen, verlor aber seine Eltern früh. Die offenbar beträchtliche Erbschaft ermöglichte ihm zumindest, sein Leben lang von einer Station zur nächsten weiterzueilen, wobei das immer auch ein bisschen wie eine Flucht vor der jeweils letzten wirkte, und zwar ohne von seiner Kunst jemals wirklich etwas zu verkaufen. (Angeblich nicht mehr als ein einziges Gemälde.)
Dafür wollten nach seinem Tod 1903 am liebsten alle deutschen Museen einen Schuch haben. Er galt als deutsche Antwort auf Cézanne, und wenn man in der Ausstellung Stillleben der beiden nebeneinander sieht, versteht man auch, warum. Man versteht allerdings im gleichen Moment, dass der Akzent dabei auf dem Wort deutsch liegen muss. Wenn es Fotografien wären, würde man auf ähnliche Linsen, komplett andere Belichtungszeiten schließen. (…)
Der vollständige Artikel erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 25.11.2025 und kann online hier gelesen werden.