„Wie immer hat Hausmann hier meinen Namen verstümmelt“, schrieb die Künstlerin Hannah Höch verärgert mit Kugelschreiber auf den Rand der kleinen Einladungskarte. Tatsächlich hatte Hausmann „Hanna Hösch“ draufdrucken lassen. Genauer: „Sie kommen unbedingt am 8. Februar Abends 8 Uhr in die Secession, Kurfürstendamm 232. Mynona, Hanna Hösch, Raoul Hausmann.“ Geboten würden „Grotesken“, Karten gebe es zu 5, 10 und 15 Mark.
Heute muss man unter Umständen dazu sagen, dass Mynona das Pseudonym war, unter dem der Philosoph Salomo Friedländer damals auch als Dichter und Satiriker in Erscheinung trat. An der Adresse der Secession steht heute ein Kaufhausbau aus den Siebzigern. Und Hannah Höch ist inzwischen wahrscheinlich der prominentere Name als Raoul Hausmann, der allerdings zumindest dann zuverlässig fällt, wenn vom Dadaismus in seiner besonders aggressiven Berliner Variante die Rede ist.
„Dada in Berlin“ sollte später sogar mal ein Song der Punkband Die Skeptiker heißen. Die paar Jahre zwischen Erstem Weltkrieg und Inflation, länger hat das Ganze ja nicht gedauert, das war der Moment, in dem sich Hausmann in die Kunstgeschichte eingeschrieben hat. Aber was tat er davor – und vor allem in den 50 Jahren bis zu seinem Tod danach? Die große Retrospektive, die diesem Mann jetzt, abermals ein halbes Jahrhundert später, in der Berlinischen Galerie endlich ausgerichtet wurde, ist auch deswegen so sehenswert, weil sie ausführlich auch die Vor- und die Nachgeschichte einer künstlerischen Supernova erzählt. Und weil zu den Kunstwerken an den Wänden hier mindestens so viel aufschlussreiches biografisches Strandgut in Vitrinen ausgebreitet wird: Briefe, Fotos oder eben Ausstellungseinladungen mit handschriftlichen Beschwerden der Lebensabschnittspartnerin.
Allein die Vorgeschichte wäre eine eigene Ausstellung wert: der in Wien geborene Sohn eines Malers, der als Zeichenlehrer an den Berliner Hof gerufen wird. Die frühe Virtuosität eines stürmischen, jungen Mannes. Dann die Anlehnung an die Expressionisten, mal ein Porträt im Stil von Kirchner, dann was in der Art von Heckel, manchmal auch von Pechstein, und Häuser gern in der taumelnden Manier von Ludwig Meidner – und er schimpft gleichzeitig nach Kräften auf seine offensichtlichen Vorbilder, beziehungsweise den „Dreck, den Meidner und Consorten zusammenholzen …“
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Der vollständige Artikel erschien am 3.2. im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und kann online hier in Gänze gelesen werden.