Jetzt ist die sogenannte Vulkangruppe beleidigt. Nachdem sie wortreich den Anschlag auf das Berliner Stromnetz für sich reklamiert hatte, der Teile der Hauptstadt tagelang in Dunkelheit und Kälte stürzte, meldet sie sich mit einem neuen Statement zurück: Empörung darüber, dass ihr erstes Bekennerschreiben auch wegen sprachlicher Auffälligkeiten zu Spekulationen geführt hat, es könnten in Wahrheit russische Agenten dahinterstecken. (Variante für stabile Anhänger dieser Theorie: Die russischen Agenten weisen beleidigt zurück, russische Agenten zu sein.)
Zugleich ist auf dem Portal Indymedia ein Schreiben aufgetaucht, in dem nun ein anderer Teil der Vulkangruppe beansprucht, die eigentliche und ursprüngliche Vulkangruppe zu sein und mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun zu haben, diese vielmehr abzulehnen. Dieses Schreiben nun wird von vielen als authentisch begrüßt, die die vom Staatsschutz behauptete Authentizität des ursprünglichen Bekennerschreibens noch anzweifelten: Das neue Schreiben wurde im korrekten Szenemedium veröffentlicht, die Argumentation ist etwas reflektierter, der Ton klingt nicht wie ein mit Google Translate übersetztes Majakowski-Poem. Inhaltlich ist zu entnehmen, dass es der ursprünglichen Gruppe um Aktionen gegen Militärisches ging. Die Motive, die nach dem Blackout beansprucht wurden, Ökologie und Klimaschutz, spielten da gar keine Rolle.
Das Internet feixt natürlich: Der mythische Kampf der Volksfront von Judäa gegen die Judäische Volksfront aus dem Monty-Python-Kino-Klassiker „Das Leben des Brian“ von 1979 wird viel zitiert. Aber so heiter ist das gar nicht. Was die Londoner Komiker damit karikiert hatten, waren schließlich nur die zur Zeit der Verfilmung in den Post-68er-Jahren erbitterten Kämpfe linker und linksradikaler Parteien untereinander. Und das waren damals immerhin noch stramm gelenkte Kaderparteien.
Als in den Achtzigern dann das Konzept der Autonomen links außen tonangebend wurde, lag es schon in der Natur dieser Struktur, dass die eine Hand nicht mehr so richtig wissen konnte, was die andere gerade tat – und es im Zweifel missbilligte. Autonom war man ja nicht nur gegenüber irgendeiner übergeordneten ideologischen Zentralinstanz, sondern auch gegenüber den anderen in der Szene. Alles musste, wie in einer WG-Küche oder im „Plenum“ eines besetzten Hauses, horizontal ausgehandelt werden. Nur dass sich bei militanten Aktionen selbst die Semi-Öffentlichkeit der Küchentische verbot.
Daher spielten einschlägige Medien eine so große Rolle. Was heute im Netz Indymedia ist, waren in den Neunzigern in Berlin die Zeitschriften Radikal und vor allem die seit 1988 erscheinende Interim. Hier konnten anonym Beiträge veröffentlicht werden, auch Bekennerschreiben für Anschläge, die es bis in die überregionale Presse nicht geschafft hatten. „Arbeitsnachweise“, wie das eine militante Gruppe später mal nennen sollte, wollte man aber trotzdem erbringen.
Unter der Überschrift „Volxsport“ war im April 1990 in der Interim zum Beispiel zu lesen (mit originaler Interpunktion und Rechtschreibung): „Der Chef der GSG (Gewerbesiedlungs-Gesellschaft), Günter Habermann, muss sich einen neuen Wagen kaufen. Der alte ist nicht mehr so gut. Wir haben ihn am 21.4. vor seiner Haustür in der Nymphenburger Straße 8 abgefackelt.“ Grund: „Die GSG ist dicke am Mitmachen, wenn es um das kapitalträchtige Umstrukturieren von Stadtteilen geht.“ Berlins Nymphenburger Straße liegt in Schöneberg, für Kreuzberger Autonome damals eine Dienstreise. So weit wollte man nicht immer fahren. „Wir müssen uns auch was einfallen lassen, wie wir mit bestimmten gut situierten bürgerlichen Schichten umgehen, die ihren ruhigen Kiez wollen und sonst nichts, die sind zwar nicht die Hauptverantwortlichen, aber als gesellschaftliche Schicht eindeutig NutznießerInnen.“
Sprachlich war das damals schon eine bemerkenswerte Mischung der Tonlagen: Mittelschichtsherkunft und proletarischer Habitus, politische Theorie-Lektüre und Szene-Slang waren unter einen Hut zu bekommen. Der hohe Ton von Manifesten wechselt mit rüden Derbheiten, um Härte zu beweisen. Die Vermeidung von Großbuchstaben aus Gründen der Hierarchiefreiheit, die viele Politpamphlete der Siebziger aussehen ließ wie avantgardistische Lyrik, hatte man aufgegeben. Großbuchstaben wurden schon für das Binnen-I benötigt („Gegen die GewinnlerInnen der kapitalistischen Modernisierung“)….
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Der vollständige Text erschien am 9.1.2026 im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung und kann online in Gänze hier gelesen werden.