Viel Spaß beim Algorithmen ärgern

Logisch, dass künstliche Intelligenz seit einiger Zeit auch intelligente Künstler beschäftigt. Klar, dass sich Leute, die Bilder, Musik, Design oder Literatur fabrizieren und davon leben wollen, durch KI herausgefordert fühlen. Und kein Wunder, dass sich deswegen jetzt auch Ausstellungen dazu häufen. Besonders aktiven Protagonisten auf dem Gebiet, der Musikerin Holly Herndon etwa oder dem Künstler Trevor Paglen, kann man wie der Igel dem Hasen gerade überall begegnen; eben noch bei „Strange Rules“ im Palazzo Diedo in Venedig, jetzt auch bei „The World Through AI“ in der Schirn in Frankfurt.

Die hatten aber jeweils schon prominente Namen, bevor sie sich mit den Algorithmen beschäftigten, die sich wiederum mit der Kunst beschäftigen. Und wenn man nach der Ästhetik fragt, die damit einhergeht, dann läuft das in aller Regel darauf hinaus, dass man am Ende eben selbst die Welt mit den Augen der Maschinen zu sehen lernt – so wie das Paglen schon vor zehn Jahren mit „Sight Machine“ vorgeführt hat, dem analytischen Blick der KI auf ein Streichquartett. Auch das sogenannte Dataland, „the First Museum of AI Art“, das am 20. Juni in Los Angeles eröffnen soll, verspricht vorläufig vor allem immersive Spaziergänge durch eine Regenwaldsimulation aus Pixeln.

Nun gibt es aber auch etliche Akteure, die nicht mit den Algorithmen arbeiten, sondern explizit gegen sie. Die sich nicht so sehr mit KI beschäftigen, sondern die vielmehr die KI beschäftigen, um sie sich vom Leib zu halten. Die Bilder, Musik, Design oder Literatur fabrizieren, die ihrerseits die Computer herausfordern sollen – und idealerweise überfordern. Es ist sozusagen der künstlerische Arm der neuen Ludditen, von denen jetzt immer wieder die Rede ist, mal eher spöttisch, manchmal aber auch hochgradig alarmiert wie im Guardian, der dieser Tage vor gewalttätigem „Anti-Tech-Extremismus“ warnte.

Wie bei den historischen Ludditen wäre es inkorrekt, das als stumpfe Maschinenstürmerei aus Unverständnis für das Neue zu begreifen. Kann zwar sein, dass sich der Name von einer mythischen Figur namens Ned Ludd herleitet, der irgendwo im Norden Englands Anfang des 19. Jahrhunderts wütend einen Webrahmen zerdroschen hat. Es spricht nur etliches dafür, dass viele von denen, die sich damals gegen die Industrialisierung und deren Folgen wehrten, mit den Maschinen, gegen die sie vorgingen, schon ganz gut vertraut waren. Das ist jetzt bei vielen Kunstrebellen gegen die KI sichtlich auch der Fall.

Wenn man spaßeshalber eine KI selbst fragt, mit welcher Art von Kunst sie beim Kopieren Probleme hat, kommt sie einem zwar mit Namen wie Anselm Kiefer, denn Blei, Erde und Stroh kriegt vorläufig noch kein Computer herumgewuchtet. Oder sie klagt über „langdauernde Live-Performances von Anne Imhof“, denn sie, also die KI, könne zwar Bilder erzeugen, aber „keine echte Präsenz von Menschen im Raum“. Als schwierig bezeichnet sie auch die Sängerin Björk mit der hübschen Begründung: „unberechenbare Persönlichkeit“. Und das macht die KI nun wirklich fast menschlich.

Aber die wirklichen Quälgeister der KI? Das sind eher unbekannte Amateur-Nervensägen, die auf Tiktok oder Instagram „Music to screw up AI algorithms“ vorführen. Und wie es wiederum der Algorithmus der Sozialnetzwerke so will: Wer einmal Interesse dafür gezeigt hat, bekommt immer mehr.

Eingängige Pop-Hits entstehen so eher nicht. Und es ist auf Dauer zugegeben auch anstrengender anzuhören als beispielsweise das „Silent Protest“-Album, mit dem mehr als 1000 Musiker, darunter Annie Lennox und Paul McCartney, Damon Albarn und Kate Bush voriges Jahr mit mitgeschnittener Studio-Stille gegen KI-Auswertung ihrer Musik protestiert hatten. Was hier nämlich die Computer verwirren soll, die nach kopierbaren Mustern suchen, sind immer neue Brüche, Wechsel, Dissonanzen, rhythmische Überraschungen, die konsequente Vermeidung von Mustern. Es klingt oft ein bisschen nach einer Jazzband, die auf einem Studentenfest am Bauhaus angetrunken versucht, Arnold Schönberg zu parodieren.

Aber durch diese vage Anmutung von historischer Avantgarde wird das Ganze überhaupt erst ästhetisch der Rede wert. Denn das Outfit, mit dem man zu diesem Ereignis ganz gut hätte auflaufen können, lieferte vor Jahren schon der sogenannte Dazzle Club aus London. Die Gruppe von Aktivisten um Adam Harvey, aka CV Dazzle, war mit geometrischen Gesichtsbemalungen bekannt geworden, mit denen sich Gesichtserkennungssoftware verwirren und außer Gefecht setzen lässt. Die Auftritte waren in erster Linie ein Protest gegen die in London allgegenwärtige CCTV-Überwachung im öffentlichen Raum. In zweiter Linie ließ es aber nicht ganz zufällig auch an Künstlerfasching in den 1920er-Jahren denken.

Schon der Begriff Dazzle hatte eine ebenso militärische wie modernistische Vorgeschichte: Dazzle-Tarnung war der Versuch, im Ersten Weltkrieg britische und amerikanische Schiffe vor Attacken durch deutsche U-Boote zu schützen. Künstler wie Edward Wadsworth bemalten mit den zackigen geometrischen Mustern erst Fregatten und später ihre Leinwände. Das war eine Rezeption von Kubismus und Futurismus, die den Angriff auf die gewohnte Perspektive, das räumliche Sehen von Tiefen und Abständen vom Bildfeld aufs Gefechtsfeld übertrug. Als der japanische Künstler Shigeki Matsuyama vor zehn Jahren mit seinen „Dazzle Rooms“ daran erinnerte, wurde einem schon als Mensch vom puren Hinschauen so schwindelig, dass man die darin posierenden Models erst auf den dritten Blick wahrnahm.

Auffällig ähnlich ist es in der Literatur. Um gegen das digitale Scraping von Texten vorzugehen, müssen hier Anti-KI-Rebellen nur an den linguistischen Strukturen herumbiegen, die lineare Syntax zerhacken, extreme Dialekte, Regiolekte, Soziolekte sowie Sarkasmen verwenden und gelegentlich eine unorthodoxe Orthografie. So lässt man bei dem Unterfangen, die Large Language Models der KI in den Wahnsinn zu treiben, irgendwann selbst Joyce oder Jandl hinter sich. Die KI-Imitationsvermeidung durch absurde Metaphern und erratische Bewusstseinsstromereien bringt dann einen neuen Surrealismus hervor, der sich von den Surrealismen der KI, die in der Praxis ja auch ganz schön häufig Nähmaschinen und Regenschirme auf dem Seziertisch durcheinanderschmeißt, immerhin dadurch unterscheidet, dass er volle Absicht ist. ….

Der vollständige Artikel aus der Süddeutschen Zeitung vom 16. Juni kann online hier gelesen werden.