Cate Blanchett, Western, Weltuntergang

Da ist sie endlich wieder, Cate Blanchett als Grundschullehrerin, mit lieb ausgefranstem Pony, aber strengem Pädagogenton gegenüber ihren Erstklässlern: „Ich möchte, dass ihr euch merkt, was Jean-Luc Godard gesagt hat, okay?“ Die Klasse bejaht im Chor. Und Lehrerin Blanchett schreibt ihnen an die Tafel, dass es nicht darauf ankomme, wo man die Dinge hernehme, sondern was man aus ihnen mache. Darüber steht schon „Nothing is original“, ein Leitsatz von Jim Jarmusch. „Also klaut bitte von allem, was euch inspiriert oder eure Fantasie anregt, okay?“ Klasse: „Okay!“

„Nothing is Original“ ist jetzt auch der Titel dieser – allerdings sehr originellen – Werkschau von Julian Rosefeldt im C/O Berlin, der es vor mittlerweile auch schon wieder zehn Jahren geschafft hatte, die in Hollywood nicht gerade unterbeschäftigte Schauspielerin Cate Blanchett dafür zu gewinnen, nicht nur als Lehrerin, sondern auch als Rocksängerin, als Fox-News-Grinsekatze, als obdachloser Mann und in etlichen anderen Rollen künstlerische Manifeste aufzusagen.

Das Ergebnis ist allerdings bis heute einer ihrer besten Filme. „Manifesto“, so hieß das Ganze, füllte damals dann einen ganzen Flügel im Hamburger Bahnhof und war nicht nur wegen der Superstar-Power von Blanchett, sondern wegen seiner ganzen eher nach Filmfestival als nach Kunstvideo aussehenden Kinoperfektion eine Sensation.

Danach machte der Film tatsächlich auch auf Festivals Karriere. Und wenn jetzt Blanchett zumindest in ihrer Rolle als Filmtheorie-Lehrerin wieder in Berlin zu sehen ist, dann muss diese eine Rolle auch für all die anderen stehen, die sie für Rosefeldt gespielt hat. Denn sonst hätte kaum noch etwas anderes in die Ausstellung gepasst.

Es wirkt ohnehin schon, als wäre das Werk, das Rosefeldt im Lauf der letzten dreißig Jahre geschaffen hat, eigentlich zu groß und zu umfangreich, um überhaupt in diese Räume zu passen. Viel musste weggelassen werden, etliches kann, wie „Manifesto“, nur pars pro toto gezeigt werden. Und vieles, was nicht mehr an die Wände passte, wird als Materialsammlung aus dem Frühwerk einfach in einer langen Vitrine präsentiert. Und dennoch kann man leicht ganze Tage hier drin verbringen, vor allem die Filmarbeiten wieder und wieder ansehen, immer noch mehr Anspielungen und Querverweise darin entdecken, mal ganz abgesehen vom feinen Humor.

Dass dem Künstler diese Retrospektive zum 60. nun ausgerechnet hier ausgerichtet wird, ist aber trotzdem konsequent. Denn der Aufstieg des C/O Berlin, das damit seinerseits 25. Geburtstag feiert, zur relevantesten Institution auf dem Gebiet der Fotografie lief parallel zur internationalen Karriere von Rosefeldt, der heute mal als Künstler, mal als Regisseur und oft kurzerhand als Filmkünstler tituliert wird. Auch Filme bestehen nun einmal aus Einzelbildern, und ein Kameramann, sagt Rosefeldt, wird im Englischen nicht ohne Grund als Director of Photography bezeichnet. Außerdem hat er tatsächlich ursprünglich zwar Architektur studiert, aber dann als Fotograf angefangen. (…)

Der vollständige Text erschien in der Süddeutschen Zeitung vom 7.6.2025 und kann online hier gelesen werden.