Im Vorgarten der Botschaft von Nordkorea steht an diesem Tag eine Hebebühne, und eine Frau mit Pferdeschwanz streicht gewissenhaft den Fahnenmast neu an. Das ist schon deshalb bemerkenswert, weil man dort sonst nie einen Menschen sieht, nur eisern zugezogene Vorhänge hinter sämtlichen Fenstern. Außerdem steht Nordkoreas Botschaftsgebäude, ein sachlicher Bau von DDR-Architekten, exakt dort, wo bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das berühmte Luxushotel Kaiserhof stand, in dem Hitler seine Wahlkampfzentrale hatte, auch weil er von dort die schräg gegenüberliegende Reichskanzlei in den Blick nehmen konnte. Continue reading
Author Archives → Peter Richter
Ausstellung zum Massaker auf dem Nova-Festival
Der Dancefloor ist dekoriert wie damals, die verlassenen Zelte sind da, die ausgebrannten Autos, die Toilettenkabinen mit den durchschossenen Türen: Alles ist so wie am 7. Oktober vor zwei Jahren, als Kommandos der Hamas das Trance-Festival Nova im Süden Israels überfielen, Hunderte Menschen umbrachten, 44 als Geiseln verschleppten. Ofir Amir, 1983 in Offenbach geboren, in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen und im Alter von elf Jahren nach Israel umgezogen, hat den Angriff schwer verletzt überlebt. Er war der Veranstalter des Festivals. Nun gehört er zu den Organisatoren der Wanderausstellung „Nova Music Festival Exhibition“, die vom 7. Oktober bei ihrer ersten europäischen Station im Flughafengebäude Tempelhof in Berlin zu sehen sein wird. Das Gespräch mit Ofir Amir findet auf Deutsch statt, mit gelegentlichen Ausflügen ins Englische.
Racker, wollt ihr ewig leben?
Smalltalk darüber, wie man möglichst gesund und möglichst lange lebt, ist eigentlich ja nichts Ungewöhnliches. Im Westen von Los Angeles oder im südlichen Prenzlauer Berg entfallen schätzungsweise die Hälfte aller Gespräche darauf. Und eigentlich gilt das Thema nicht als Grund zur Sorge, eher als Teil der Vorsorge. Trotzdem rollen geradezu Wellen des Grusels über den Globus, seit Wladimir Putin und Xi Jinping vor einer Woche am Rande einer Militärparade in Peking durch ein offenes Mikrofon dabei zu hören waren, wie sie über die medizinischen Aussichten auf die Unsterblichkeit des Menschen plauderten.
Der chinesische wie der russische Präsident sind immerhin jeweils 72 Jahre alt. Xis Bemerkung, dass Leute früher mit 70 als alt galten, heute hingegen fast noch als Kinder, ließ sich dabei noch als milde Selbstironie verbuchen. Als gespenstischer wurde Putins Entgegnung empfunden, „mit der Entwicklung der Biotechnologie“ könnten „menschliche Organe kontinuierlich transplantiert werden“, wodurch „die Menschen immer jugendlicher leben und sogar Unsterblichkeit erlangen“ könnten. Kein Wunder, dass das inzwischen rund um den Erdball und quer durch das Internet kommentiert wurde, meist in einem Sarkasmus, der ein Erschrecken zu bemänteln hatte. Die Referenzen aus dem Kulturbereich des Dystopischen sind aber auch reich.
Zu links, zu rechts, zu ostig?
Wie wirbt man als Bauministerin für den Plattenbau, ohne Plattenbau zu sagen? Verena Hubertz, geboren in Trier, hat es diese Woche damit versucht, dass sie von modularem Bauen sprach – und vorsichtshalber sofort in die Defensive ging: „Es gibt viele Vorurteile – langweilig, eintönig, Plattenbau 2.0. Aber so ist es nicht. Er ist mehr als das.“
Das ist gleichzeitig richtig und falsch: Die Montage von kompletten Wandplatten zu Wohnungen ist nun einmal ein höherer Grad von Industrialisierung als das Bauen mit kleineren Modulen aus der Fabrik. Mit denen lässt sich allerdings variabler bauen, oder, in Hubertz’ Worten, weniger eintönig. Ihre Amtsvorgängerin Klara Geywitz, geboren in Potsdam, pries ihrerseits gern das serielle Bauen, womit auch sie industrielle Vorfertigung meinte, ging hier aber – auch unter Verweis auf ihre ostdeutsche Sozialisation – lieber in die Offensive: Geywitz nannte den Plattenbau ein „großartiges Erbe“. Sie warb damals unter anderem für Aufstockungen der bestehenden Plattenbauten, um mehr Wohnraum zu schaffen. Immerhin handelt es sich um ein additives Bausystem. Allerdings wurde seit dem Mauerfall eher subtrahiert, wurde der Bestand an Plattenbauwohnungen gezielt abgetragen. „Schrumpfende Städte“ hatte zumindest im Osten das Schlagwort „Wohnungsmangel“ nach 1990 für mindestens zwei Jahrzehnte abgelöst. Aber inzwischen ist es selbst hier an vielen Orten schon wieder andersherum, vor allem in den größeren Städten. Continue reading
Wie aus dem Westen
Wenn im Sprachgebrauch der DDR jemand des Snobismus bezichtigt werden sollte, geschah das zum Beispiel dadurch, dass es hieß, derjenige ließe sich am Ende sogar die SED-Zeitung Neues Deutschland für „Westgeld“ über Genex liefern. Das Image eines systemerhaltenden Dekadenzphänomens war dieser Außenhandelsfirma tief eingeschrieben, weil sie im Alltag den wahren Charakter der DDR als Zweiklassengesellschaft sichtbar machte: Der fundamentale Unterschied bestand zwischen denen mit Zugang zu „Westgeld“ und denen ohne.[1] Normatives Ziel war eine Gesellschaft ohne. Die Normalität war aber eine mit. Und der Unterschied zwischen beidem, also dem Normativen und dem, was am Ende als normal galt, scheint sich auch wie ein roter Faden des Interesses durch das Werk der Künstlerin Andrea Pichl zu ziehen.[2] Er rührt tatsächlich aus der Geschichte der Normierung, die zum seriellen Bauen führen wird – aber eben auch die Grundlage von Versandhäusern mit ihren Bestellkatalogen ist.[3]