Lenins Hirn in kleinen Scheiben

Über: Die Stromschläge des Max Nonne - Totenkult und Medizin - eine Ausstellung in Hamburg

Ausgerechnet Dr. Nonne wurde gerufen, als es mit Lenin zu Ende ging. Ausgerechnet der strammdeutsche, nationalistische Neurologe Max Nonne aus Hamburg wurde von einem Emissär der sowjetischen Botschaft gebeten, Ende 1923 nach dem Revolutionsführer zu schauen, bevor der im Januar 1924 in Gorki bei Moskau starb.

Dabei hatte Nonne sich ein paar Jahre vorher noch vor kommunistischen Soldaten verstecken müssen, weil die ihn am Ende des Ersten Weltkriegs erschießen wollten. Die damalige Assistenzärztin Rahel Plaut hat auf Skizzen in ihrem Kalender die „Bolschewikenwagen“ festgehalten, mit denen sie das Gelände des Universitätskrankenhauses Eppendorf nach ihm absuchten. Grund genug hatten sie.

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Reifes Alter unter Palmen

Über: Camille Claudel - Auguste Rodin - Bernhard Hoetker

Dreieck des Impressionismus: Camille Claudel liebte Auguste Rodin und litt an ihm. Der Deutsche Bernhard Hoetger imitierte ihn. Die Alte Nationalgalerie zeigt nun, wie beide sich auf ihre Weise von ihm emanzipierten.

Ende 1905 standen zwei Namen auf dem Ausstellungsplakat der Pariser Galerie Eugene Blot, die auf den ersten Blick denkbar wenig miteinander zu tun hatten: Exposition d’Œuvres de Camille Claudel et de Bernard Hoetger. Camille Claudel war damals 41, also fast selbst so alt wie einst Auguste Rodin, als der die 24 Jahre jüngere Claudel als Schülerin annahm und schließlich die berühmt gewordene, konfliktive Liebesbeziehung mit ihr einging, die zum Zeitpunkt der Ausstellung allerdings längst beendet war. Das Jahr 1905 gilt vielmehr als der Moment, in dem die psychischen Leiden Claudels manifest wurden, derentwegen sie auf Druck ihrer Familie acht Jahre später in eine der psychiatrischen Einrichtungen zog, in denen sie den Rest ihres Lebens verbringen würde.

Bernhard Hoetger hingegen war zehn Jahre jünger, und obwohl sie seinen Namen auf dem Ausstellungsplakat mit aller Kraft französischer klingen lassen haben, sogar mit Ligatur aus O und E, so wie bei dem Wort Œuvre, war er doch unverkennbar ein Deutscher aus Dortmund. Während Claudel heute weltberühmt ist, wegen ihrer Skulpturen, aber auch wegen ihrer tragischen Geschichte mit Rodin, verbindet sich Hoetgers Name heute eher mit Bremen, wo er auf Engagement des mit Kaffee reich gewordenen Mäzens Roselius die Böttcherstraße zum expressionstisch-lebensreformerischen Kulturzentrum ausbaute. Als er später sogar versuchte, sich als besonders kerndeutscher Künstler den Nazis anzudienen, die ihn aber schon der Hitler verhassten „Böttcherstraßenkultur“ wegen ablehnten, hatte er sich maximal von seinem ersten Leben als Künstler entfernt. Continue reading

Stolpern Sie schön

Über: die 13. Berlin Biennale - und was sie klüger macht als die letzte Documenta

Kann schon sein, dass der Fuchs inzwischen ein passenderes Wappentier für Berlin abgäbe als der Bär. Seit der Bärenzwinger am Märkischen Museum abgeschafft wurde, sieht man auch hier nur noch welche im Zoo. Füchse dagegen sieht man überall, noch mehr als Wildschweine, nicht zuletzt rund um den Alexanderplatz. Die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst hat den Fuchs jedenfalls jetzt schon einmal zum Wappentier ihrer neuesten Ausgabe gemacht. Sie will aus dem renitenten Treiben der Wildtiere in der Großstadt ein Prinzip herauslesen, das sich mit dem Vorgehen von Künstlern in Beziehung setzen lässt.

Das deutsche Adjektiv „fuchsig“ geht dabei allerdings genau in die falsche Richtung, das englische „foxy“ in seinen sexuellen Konnotationen auch. Das Wort, das nun neu kreiert wurde, lautet vielmehr „foxing“ und soll bestimmte Taktiken des Verhaltens beschreiben: die alte Märchenmetapher der Listigkeit natürlich, dazu kommt eben die Renitenz, das nonchalante Hinwegsetzen über menschengemachte Regeln und Barrieren, eine huschende Beweglichkeit, die flüchtige Erscheinung im Scheinwerferkegel der Aufmerksamkeit. Continue reading

Cate Blanchett, Western, Weltuntergang

Über: Julian Rosefeld - bewegte Bilder - eine Retrospektive im C/O Berlin

Da ist sie endlich wieder, Cate Blanchett als Grundschullehrerin, mit lieb ausgefranstem Pony, aber strengem Pädagogenton gegenüber ihren Erstklässlern: „Ich möchte, dass ihr euch merkt, was Jean-Luc Godard gesagt hat, okay?“ Die Klasse bejaht im Chor. Und Lehrerin Blanchett schreibt ihnen an die Tafel, dass es nicht darauf ankomme, wo man die Dinge hernehme, sondern was man aus ihnen mache. Darüber steht schon „Nothing is original“, ein Leitsatz von Jim Jarmusch. „Also klaut bitte von allem, was euch inspiriert oder eure Fantasie anregt, okay?“ Klasse: „Okay!“

„Nothing is Original“ ist jetzt auch der Titel dieser – allerdings sehr originellen – Werkschau von Julian Rosefeldt im C/O Berlin, der es vor mittlerweile auch schon wieder zehn Jahren geschafft hatte, die in Hollywood nicht gerade unterbeschäftigte Schauspielerin Cate Blanchett dafür zu gewinnen, nicht nur als Lehrerin, sondern auch als Rocksängerin, als Fox-News-Grinsekatze, als obdachloser Mann und in etlichen anderen Rollen künstlerische Manifeste aufzusagen. Continue reading

Wie aus dem Westen

Bisschen was zur Dialektik von Genormtem, Seriellem und Ideologischem anhand der Arbeiten von Andrea Pichl

Wenn im Sprachgebrauch der DDR jemand des Snobismus bezichtigt werden sollte, geschah das zum Beispiel dadurch, dass es hieß, derjenige ließe sich am Ende sogar die SED-Zeitung Neues Deutschland für „Westgeld“ über Genex liefern. Das Image eines systemerhaltenden Dekadenzphänomens war dieser Außenhandelsfirma tief eingeschrieben, weil sie im Alltag den wahren Charakter der DDR als Zweiklassengesellschaft sichtbar machte: Der fundamentale Unterschied bestand zwischen denen mit Zugang zu „Westgeld“ und denen ohne.[1] Normatives Ziel war eine Gesellschaft ohne. Die Normalität war aber eine mit. Und der Unterschied zwischen beidem, also dem Normativen und dem, was am Ende als normal galt, scheint sich auch wie ein roter Faden des Interesses durch das Werk der Künstlerin Andrea Pichl zu ziehen.[2] Er rührt tatsächlich aus der Geschichte der Normierung, die zum seriellen Bauen führen wird – aber eben auch die Grundlage von Versandhäusern mit ihren Bestellkatalogen ist.[3]

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