Augen zu und durch

Über: das Luxusgut Schlaf - 30 Jahre "Insomnia" - "L'empire du sommeil" in Paris

„I can’t get no sleep!“, erklärt der junge Mann höflich in die Kamera hinein, aber es klingt auch ein klitzekleines bisschen gereizt. So als hätte seine Mutter ihn eben gefragt, warum um Gottes willen er mitten in der Nacht in seinem besten Anzug durch die nicht unbedingt besten Gegenden von London geistert, statt schön im Bettchen zu liegen. Als er es zum dritten Mal sagt, kommt zur Belohnung diese zuckerig funkelnde Sandmännchen-Melodie heruntergeregnet, die den Song „Insomnia“ von der Band Faithless damals zu so einem Monsterhit gemacht hat.

Exakt 30 Jahre ist das jetzt her, November/Dezember 1995. Exakt 30 Jahre davor war übrigens „I can’t get no Satisfaction“ die Zeile aus London gewesen, die eine globale Stimmungslage auf den Punkt zu bringen schien. Aber im Winter 1995 hatte sich die Lage offensichtlich komplett gedreht, gerade auf den Dancefloors: Es waren viel zu viele Satisfaktionen und Satisfaktiönchen, die den Leuten verabreicht wurden, um an Schlaf überhaupt zu denken. Daran waren natürlich nicht nur DJs beteiligt, sondern oft genug auch Dealer. Continue reading

Licht, Farbe und sehr viel Spargel

Über: Carl Schuch - Städel Frankfurt - französische Malerei

Nicht weit von der sogenannten Anschlussstelle Ferch kommt man auf der Autobahn Richtung Berlin an großen Kiefernwäldern vorbei. Und ja, man kann sich diese Kiefernwälder dadurch noch ein bisschen schöner reden, dass man sie mit denen an der französischen Atlantikküste vergleicht, auch wenn dann trotzdem nicht Lacanau und der Ozean kommen, sondern nur Potsdam und die Havel, aber immerhin auch eine Parforceheide und ein Schloss Sanssouci und noch ein paar andere Dinge, denen man französische Namen verpasst hat. Dennoch ist es fast ein kleiner Schock, Landschaftsbilder aus Ferch am Schwielowsee direkt neben Gemälden aus den Schulen von Barbizon und Fontainebleau hängen zu sehen. Und ein „Siel bei Kähnsdorf“, heute gleich auf der anderen Seite der A10, neben einer „Schleuse im Tal von Optevoz“, Südostfrankreich. Continue reading

Der sturste Künstler, den Deutsches Reich, DDR und BRD je hatten

Über: Hermann Glöckner - Thomas Scheibitz - eine Hommage des einen an den anderen

Eine der erstaunlichsten Ausstellungen des Jahres findet gerade in München statt. Das geht schon damit los, dass es die Graphische Sammlung in der Pinakothek der Moderne ist, die sie ausgerichtet hat. Denn zu sehen sind zwar auch ein paar Grafiken, vor allem aber recht großformatige und großartige Gemälde sowie sehr, sehr viele Skulpturen.

Erstaunlich ist aber auch der Mut des Künstlers Thomas Scheibitz. Vor ein paar Jahren sah es zunächst sogar nach grobem Übermut aus. Scheibitz ist zwar spätestens seit seinem Auftritt im Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2005 einer der international gefragtesten Künstler des Landes und hat in Ausstellungen zwischen New York und Seoul oft genug gezeigt, dass er in der Malerei so zu Hause ist wie in der Skulptur. Aber seine Arbeiten gleich mit denen von Picasso mischen? Continue reading

Letzter Ismus: Aktivismus

Über: Naomi Beckwith's Documenta-Vorschein in Paris - Michel Foucault - die neue Fahne von Martinique

Jetzt haben sie in Paris nicht nur eine Ausstellung von der nächsten Documenta-Kuratorin. Jetzt wurde in Paris – so wie bei der letzten Documenta – kurz nach der Eröffnung auch eines der gezeigten Werke wieder entfernt. Die Kuratorin, die in zwei Jahren die Kasseler Großausstellung verantwortet, heißt Naomi Beckwith, ist am Guggenheim in New York beheimatet und gilt als diplomatisch. Die Ausstellung, die sie jetzt gemacht hat, findet im Palais de Tokyo statt, dem Ausstellungspalast mit dem jugendlichen Zwischennutzungscharme an der Seine. Das Exponat, das entfernt wurde, stammte von Cameron Rowland, Jahrgang 1988, ebenfalls in New York daheim, und es bestand aus einer Fahne.

Es handelte sich um die 2023 neu eingeführte Fahne von Martinique in der Karibik, einem Überseedepartement, das zu Frankreich und also der EU gehört. Diese Fahne ließ Rowland vor dem Palais de Tokyo aufhängen, anstelle der französischen. Titel: „Replacement“. Continue reading