Opernbauboom in Deutschland

Über: Sanierung - Neubau - und die Milliarden, die das kostet

Am vergangenen Sonntag war die Kölner Oper schon Thema im „Tatort“. Nebenher ging es um einen Mord, eigentlich aber um das Rätsel, warum die Sanierung des Opernhauses so kriminell lange dauert. Statt der veranschlagten zwei Jahre mittlerweile mehr als 13. Und warum das so kriminell viel kostet. Statt 250 Millionen Euro inzwischen fast eine Milliarde, alle Nebenkosten eingerechnet, sogar rund eineinhalb. Der Fall scheint ein bisschen zu komplex zu sein, um von TV-Kommissaren über einer Currywurst gelöst werden zu können. Dabei ist er keineswegs ungewöhnlich.

Auch in Augsburg zum Beispiel ist das Große Haus schon seit zehn Jahren wegen Grundsanierung geschlossen, müssen Theater und Oper in Ausweichspielstätten gezeigt werden, deren Kosten zu der Sanierung immer noch dazugerechnet werden müssen. In Stuttgart soll sich die Wiederöffnung des Opernhauses sogar bis in die 2040er-Jahre verzögern, weil schon die Interimsspielstätten erst mit etlichen Jahren Verspätung fertig werden. Hier sind bereits Kosten von zwei Milliarden im Gespräch. Continue reading

Von Zorro eins auf die Glocke

Über: Sprache von linksradikalen Bekennerschreiben - Vulkangruppe - Revolutionäre Zellen

Jetzt ist die sogenannte Vulkangruppe beleidigt. Nachdem sie wortreich den Anschlag auf das Berliner Stromnetz für sich reklamiert hatte, der Teile der Hauptstadt tagelang in Dunkelheit und Kälte stürzte, meldet sie sich mit einem neuen Statement zurück: Empörung darüber, dass ihr erstes Bekennerschreiben auch wegen sprachlicher Auffälligkeiten zu Spekulationen geführt hat, es könnten in Wahrheit russische Agenten dahinterstecken. (Variante für stabile Anhänger dieser Theorie: Die russischen Agenten weisen beleidigt zurück, russische Agenten zu sein.)

Zugleich ist auf dem Portal Indymedia ein Schreiben aufgetaucht, in dem nun ein anderer Teil der Vulkangruppe beansprucht, die eigentliche und ursprüngliche Vulkangruppe zu sein und mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun zu haben, diese vielmehr abzulehnen. Dieses Schreiben nun wird von vielen als authentisch begrüßt, die die vom Staatsschutz behauptete Authentizität des ursprünglichen Bekennerschreibens noch anzweifelten: Das neue Schreiben wurde im korrekten Szenemedium veröffentlicht, die Argumentation ist etwas reflektierter, der Ton klingt nicht wie ein mit Google Translate übersetztes Majakowski-Poem. Inhaltlich ist zu entnehmen, dass es der ursprünglichen Gruppe um Aktionen gegen Militärisches ging. Die Motive, die nach dem Blackout beansprucht wurden, Ökologie und Klimaschutz, spielten da gar keine Rolle. Continue reading

Berlin noir

Über: Zehlendorfer Nächte - Blackouts - die sog. Vulkangruppe

Das Reich der Finsternis begann direkt hinter dem U-Bahnhof „Krumme Lanke“. Berlin, vor allem der Westteil, ist nachts zwar generell vergleichsweise dunkel für eine Stadt dieser Größe; das war schon so, als es in der City West noch Neonreklame gab, wie man in Filmen wie Uli Edels „Christiane F.“ sehen kann. Aber was jetzt jenseits des U-Bahnhofs Krumme Lanke begann, war eben keine Berliner Normaldunkelheit in einer Januarnacht. Sondern eine fundamentale Finsternis auf etlichen Ebenen.
Der Anschlag auf die Stromversorgung im Südwesten Berlins hat am Wochenende das Licht ab hier ganz ausgeknipst. Dass der Mexikoplatz einer der schöneren der Stadt ist: nicht mehr zu erkennen. Weil der ganze Mexikoplatz nicht zu erkennen war. Statt der Jugendstilbauten links und rechts der Straße hätten da auch die Kiefern des Grunewalds stehen können. Schwarz ist schwarz. Dazu Schnee auf den Straßen und Schnee aus dem Himmel: Wer Sonntagnacht durch diese Gegend fuhr, hatte die Phänomene Whiteout und Blackout in seltener Einhelligkeit vor Augen. Continue reading

„Ich bin berühmt, ich bin ein Star, ich bin auf Facebook“

Über: Joachim Lottmann - Rafael Horzon - Popliteratur

Rafael Horzon lädt schon für den nächsten Tag zur Lesung von Joachim Lottmann in seinem Möbelladen auf der Torstraße in Berlin-Mitte. Und ausgerechnet da ist man zufällig gerade mal nicht in der Stadt, sondern auf Reisen. Die Mail kommt gleich dreimal hintereinander. Das verdeutlicht die Dringlichkeit des Ereignisses. Horzon ist ja nicht nur ein prominenter Berliner Designer, der Wikipedia gerichtlich untersagte, ihn als Künstler zu bezeichnen. Er ist auch einer der entscheidenden Kulturveranstalter, der zum Beispiel eben erst mit seinem komplett privat betriebenen Deutschen Design Museum der Stadt gegeben hat, was ihr mindestens seit der Schließung der Berliner Filiale des Vitra-Design-Museums fehlte. Außerdem hat er selbst Bestseller geschrieben (unter anderem „Das weiße Buch“), deren Leserschaft eine Schnittmenge mit der von Lottmann haben dürfte. Er verweist in allen drei E-Mails auf einen Artikel von Volker Weidermann aus der Zeit vom Oktober, aus dem die traurige Nachricht hervorging, dass der 69 Jahre alte Lottmann tödlich erkrankt sei. Sehr viel mehr neue Bücher wird man wohl nicht erwarten dürfen, öffentliche Auftritte noch weniger.

Es muss also auf der Stelle umgebucht und heimgeflogen werden. Die Familie ist konsterniert. Die Reise war lange geplant und gebucht, was soll da auf einmal wichtiger sein: „Joachim – wer?“ Continue reading

Der Über-Maler

Nachruf Arnulf Rainer, 96

Vielleicht muss man das Wort getrennt schreiben, das sich am meisten mit dem Werk von Arnulf Rainer verbindet. Die „Über-Malungen“, mit denen Rainer bekannt wurde, waren schließlich immer auch Reflexionen über das Malen. Und das, was da übermalt wurde, eigene Bilder, fremde Bilder, Fotos, die waren damit ja nicht weg, sondern die wurden durch die Übermalung nur noch sehenswerter: So wie wenn jemand mit dem Stift in einem Buch eine besonders wichtige Stelle dermaßen vehement anstreicht, dass sie kaum noch zu lesen ist. Mit Rainers Übermalungen verhielt es sich also gar nicht so viel anders als mit Hegels berühmter Dialektik des „Aufhebens“. Und das ist ja schon mal was für jemanden, der ein trotziger Autodidakt war, weil er amtlichen Unterricht im Malen so abstoßend fand.

Der 1929 in Baden bei Wien geborene Rainer hat selbst aktenkundig gemacht, dass er Anfang der 1940er eine Nazi-Eliteschule unter Protest verlassen habe, weil er dort im Kunstunterricht gezwungen werden sollte, nach der Natur zu zeichnen. Die Wiener Kunstakademie wiederum schmiss er nach drei Tagen, weil seine Arbeiten dort – Ende der 1940er-Jahre noch! – als „entartet“ bezeichnet worden seien. Continue reading