UR in NYC

Über: Protestsongs für die Zukunft - Eric Garner - Berlin

Wenn die Techno-Pioniere von Underground Resistance an einem Sonntagnachmittag um 15:30 Uhr die Bühne betreten, hätte man früher in Berlin gesagt: Der Samstagabend im „Tresor“ neigt sich seinem Höhepunkt zu. Wenn das gleiche in New York passiert, ist es eine Sonntagnachmittags-Veranstaltung im Museum of Modern Art, Außenstelle PS1. In New York, in den USA generell, haben Auftritte des Kollektivs aus Detroit aber auch den wesentlich größeren Seltenheitswert. Im Sinne von: Es passiert faktisch nie. Und dieser Umstand ist alleine schon ein Grund dafür, dass es Bitteres und Ernstes zu besprechen gab an diesem Nachmittag. Continue reading

Stadt mit Bart

Über: Pferdekutschen - Friedrich-Engels-Bärte - taktische Nostalgie

Der Bart als phylogenetischer Restbestand unserer ehemaligen Vollbehaarung stellt evolutionär betrachtet eine spezialisierte Form der Körperbedeckung dar und signalisiert klaren Sexualdimorphismus. So steht es in Christina Wietigs Dissertation „Der Bart – Kulturgeschichte des Bartes von der Antike bis zur Gegenwart“, Hamburg 2005.

Die Pferdekutsche als Restbestand unserer ehemaligen Straßenverhältnisse stellt evolutionär betrachtet eine Verkehrsbehinderung dar und ethisch eine Tierquälerei, sie signalisiert aber klar Romantik und wird deshalb gegen alle Abschaffungsversuche verbissen verteidigt. Das steht so in noch keiner Doktorarbeit, kann allerdings so gut wie jeden Tag in der New York Times nachgelesen werden. Was Vollbart und Kutschen nämlich verbindet, abgesehen davon, dass beides Atavismen sind: Sie sind das, was die New Yorker im Moment über die Maßen beschäftigt – mehr als man das vielleicht vermuten würde in einer Stadt, von der die Welt sich eher das Neue erwartet, Trends, Moden, Zukunft. Ganz offensichtlich ist aber der modernste Trend, der von New York für die Zukunft ausgeht, das 19. Jahrhundert. Continue reading

Oschwitz – Wie ich mal mit Rainald Goetz über Uwe Tellkamp aneinander vorbeisprach

Über: Dresdens Elbhang - Gußeisen-Literatur - Mimesis

Die Brücke zum Beispiel, die hat Tellkamp eindeutig von mir. Die Brücke über die Grundstraße, davon habe ich immer geträumt, wenn ich die Ulrichstraße runter mußte und drüben die Steglichstraße wieder rauf. Denn ich komme sozusagen aus Ostrom, aus dem, was Tellkamp perfiderweise Ostrom nennt, obwohl es Oberloschwitz heißt, wobei Ortsansässige der Art, wie nun ausgerechnet Tellkamp sie dauernd durch seinen Roman dozieren läßt, sicher einwenden würden, daß dieser Ortsteil eigentlich Schöne Aussicht heiße und Oberloschwitz hingegen das, was viele fälschlich schon für den Weißen Hirsch halten – so zum Beispiel eben Tellkamp, der seinen Hügel als Hort des Widerstands glorifiziert und meinen dagegen als Nest der Nomenklatura verunglimpft. Literatur darf so etwas, ich weiß. Da ich Tellkamps Buch aber nicht als Leser lesen kann, sondern nur als Insasse, als sein Material, empört es mich natürlich trotzdem, schon weil es in der wirklichen Wirklichkeit, wie ja nun jeder weiß, genau umgedreht war.

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