Ausstellung zum Massaker auf dem Nova-Festival

Interview mit Ofir Amir

Der Dancefloor ist dekoriert wie damals, die verlassenen Zelte sind da, die ausgebrannten Autos, die Toilettenkabinen mit den durchschossenen Türen: Alles ist so wie am 7. Oktober vor zwei Jahren, als Kommandos der Hamas das Trance-Festival Nova im Süden Israels überfielen, Hunderte Menschen umbrachten, 44 als Geiseln verschleppten. Ofir Amir, 1983 in Offenbach geboren, in der Nähe von Frankfurt aufgewachsen und im Alter von elf Jahren nach Israel umgezogen, hat den Angriff schwer verletzt überlebt. Er war der Veranstalter des Festivals. Nun gehört er zu den Organisatoren der Wanderausstellung „Nova Music Festival Exhibition“, die vom 7. Oktober bei ihrer ersten europäischen Station im Flughafengebäude Tempelhof in Berlin zu sehen sein wird. Das Gespräch mit Ofir Amir findet auf Deutsch statt, mit gelegentlichen Ausflügen ins Englische.

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Racker, wollt ihr ewig leben?

Über: Putin - Longevity im Silicon Valley - das Überleben bei Canetti - russischen Kosmismus

Smalltalk darüber, wie man möglichst gesund und möglichst lange lebt, ist eigentlich ja nichts Ungewöhnliches. Im Westen von Los Angeles oder im südlichen Prenzlauer Berg entfallen schätzungsweise die Hälfte aller Gespräche darauf. Und eigentlich gilt das Thema nicht als Grund zur Sorge, eher als Teil der Vorsorge. Trotzdem rollen geradezu Wellen des Grusels über den Globus, seit Wladimir Putin und Xi Jinping vor einer Woche am Rande einer Militärparade in Peking durch ein offenes Mikrofon dabei zu hören waren, wie sie über die medizinischen Aussichten auf die Unsterblichkeit des Menschen plauderten.

Der chinesische wie der russische Präsident sind immerhin jeweils 72 Jahre alt. Xis Bemerkung, dass Leute früher mit 70 als alt galten, heute hingegen fast noch als Kinder, ließ sich dabei noch als milde Selbstironie verbuchen. Als gespenstischer wurde Putins Entgegnung empfunden, „mit der Entwicklung der Biotechnologie“ könnten „menschliche Organe kontinuierlich transplantiert werden“, wodurch „die Menschen immer jugendlicher leben und sogar Unsterblichkeit erlangen“ könnten. Kein Wunder, dass das inzwischen rund um den Erdball und quer durch das Internet kommentiert wurde, meist in einem Sarkasmus, der ein Erschrecken zu bemänteln hatte. Die Referenzen aus dem Kulturbereich des Dystopischen sind aber auch reich.

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Zu links, zu rechts, zu ostig?

Über: Plattenbauten - eine Kunstausstellung in Potsdam - die Wohnungsfrage

Wie wirbt man als Bauministerin für den Plattenbau, ohne Plattenbau zu sagen? Verena Hubertz, geboren in Trier, hat es diese Woche damit versucht, dass sie von modularem Bauen sprach – und vorsichtshalber sofort in die Defensive ging: „Es gibt viele Vorurteile – langweilig, eintönig, Plattenbau 2.0. Aber so ist es nicht. Er ist mehr als das.“

Das ist gleichzeitig richtig und falsch: Die Montage von kompletten Wandplatten zu Wohnungen ist nun einmal ein höherer Grad von Industrialisierung als das Bauen mit kleineren Modulen aus der Fabrik. Mit denen lässt sich allerdings variabler bauen, oder, in Hubertz’ Worten, weniger eintönig. Ihre Amtsvorgängerin Klara Geywitz, geboren in Potsdam, pries ihrerseits gern das serielle Bauen, womit auch sie industrielle Vorfertigung meinte, ging hier aber – auch unter Verweis auf ihre ostdeutsche Sozialisation – lieber in die Offensive: Geywitz nannte den Plattenbau ein „großartiges Erbe“. Sie warb damals unter anderem für Aufstockungen der bestehenden Plattenbauten, um mehr Wohnraum zu schaffen. Immerhin handelt es sich um ein additives Bausystem. Allerdings wurde seit dem Mauerfall eher subtrahiert, wurde der Bestand an Plattenbauwohnungen gezielt abgetragen. „Schrumpfende Städte“ hatte zumindest im Osten das Schlagwort „Wohnungsmangel“ nach 1990 für mindestens zwei Jahrzehnte abgelöst. Aber inzwischen ist es selbst hier an vielen Orten schon wieder andersherum, vor allem in den größeren Städten. Continue reading

Neue Häuser? Alte Socken

Über: Berlins Molkenmarkt - Neubaupläne - Altstadtsehnsucht

Die ältesten Stellen der deutschen Hauptstadt sind zurzeit auch die, die am trostlosesten aussehen, und das will bei den Berliner Standards etwas heißen. Die Keimzelle der Stadt ist der Mühlendamm, heute eine unspektakuläre Betonbrücke über die Spree, die zuletzt um die Hälfte der Fahrbahnen schmaler gemacht wurde, wodurch sich nun Tag und Nacht ein Verkehrsstau bildet, der wiederum durchaus spektakulär ist.

„Der Mühlendamm, das Herz Berlins, ist eine langweilig und lieblos gebaute Brücke“, schrieb Walther Kiaulehn schon in den Fünfzigerjahren: „Der Damm, der die Spree durchzieht, dazu eine Handvoll Häuser rechts und links vom Fluß, das war ursprünglich einmal die ganze Stadt. Genauer gesagt zwei Städte. Die ältere hieß Cölln, die jüngere Berlin.“ Die Cöllner seien Fischer gewesen, die Berliner hingegen „Fuhrleute und Gastwirte“. Der Mühlendamm habe diese beiden Städte nicht nur verbunden, sondern auch getrennt: „Die Cöllner mochten die Berliner nicht, die Berliner verachteten ganz Cölln.“ Continue reading

Nachruf Hans Stimmann

Über: Stadt - Stein - Sozialdemokraten

Architektenschreck, Bollwerk gegen Bausünden, konservativer Knochen oder kantiger Sozi im Kampf gegen die Megalomanie des Großkapitals, viel zu provinziell für die deutsche Hauptstadt und geradezu ein Segen für Berlin in den Glücksritter-Jahren nach der Vereinigung: Über Hans Stimmann konnte man schon zu seinen beiden Amtszeiten als Senatsbaudirektor denkbar konträre Bewertungen hören. Einig waren sich alle immer nur darin, dass der Mann mächtig und sich seiner Macht auch sehr bewusst war.

Stimmann selbst hat immer deutlich gemacht, dass sein Verständnis von Architektur wesentlich auf einer Maurerlehre in Lübeck fußte, wo er 1941 zur Welt gekommen und in einer Arbeitergegend aufgewachsen war. Auch sein Architekturstudium in Lübeck war nach eigenen Aussagen weniger akademisch geprägt als handwerklich. Es war aber ein akademisches Milieu, die Studentenbewegung um 1968 in Frankfurt, das ihn politisierte. Stimmann hatte dort eine Anstellung als Architekt gefunden und trat den Jusos bei.

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