Nachruf Brent Hinds, Mastodon

Über: einen Gitarristen - einen fatalen Rausschmiss - eine noch fatalere Motorradfahrt

Dieses Jahr ist ein Jammer für Leute, die schwere und harte Musik mögen. Da war dieses wirklich allerletzte Abschiedskonzert von Ozzy Osbourne, dem ganz kurz darauf die Meldung seines wirklich endgültigen Ablebens folgte, und das war in sich ja schon ein ziemlicher Doppelbasstrommelschlag, wenn auch ein absehbarer. Aber wer trat in der langen Liste der kondolierenden Bands auf diesem Konzert als Erstes auf? Mastodon aus Atlanta in Georgia. Und zwar im Ernst ohne ihren Gitarristen Brent Hinds, sondern mit irgendeinem Ersatz.

Das hat den Tag von Anfang an gleich noch viel trauriger gemacht. Denn als im März die Meldung kam, Mastodon hätten sich im tiefsten gegenseitigen Einverständnis von ihrem Lead-Gitarristen Brent Hinds getrennt, vulgo: ihn gefeuert, da war das zunächst mal kaum zu glauben. Die international (und auch in diesem Feuilleton) hochgelobte Progressive-Metal-Band wurde selbst langjährigen Fans schlagartig zum Rätsel. Brent Hinds war doch ein so integraler Bestandteil dessen, was Mastodon so besonders machte, dass man den gar nicht rausschmeißen konnte. Es kam einem vor wie eine Amputation nicht des Kopfes, sondern schlimmer noch: des Herzens. Continue reading

Fehlt seit 50 Jahren

Über: Bas Jan Ader - Einmann-Segeln als heikle Kunstkonzept - eine Retrospektive in Hamburg

Vor genau 50 Jahren, am 9. Juli 1975, stieg auf Cape Cod in den USA ein sehr langer Holländer in ein sehr kurzes Segelboot und machte sich auf den Weg, ganz allein den Atlantik zu überqueren. Auf der anderen Seite sollte er allerdings nie ankommen. Viele Monate später wurde das Boot von spanischen Fischern in den Gewässern vor Irland geborgen. Von Bas Jan Ader aber, dem Segler, fehlte jede Spur.

Das ist bis heute die übliche Formulierung. Manchmal heißt es auch, er sei „verschollen“. Dass Bas Jan Ader sehr wahrscheinlich seit fünfzig Jahren tot sein dürfte, von einem Sturm aus seinem Minisegelboot geschleudert und ertrunken, das liest man nie, und das wird man auch nie lesen, solange keine letzte Gewissheit über seinen Tod, sondern zumindest theoretisch sogar noch die Möglichkeit besteht, dass Ader irgendwo zwischen Island und den Azoren ein anderes Leben angefangen hat. Er wäre in dem Fall jetzt 83. Continue reading

Lenins Hirn in kleinen Scheiben

Über: Die Stromschläge des Max Nonne - Totenkult und Medizin - eine Ausstellung in Hamburg

Ausgerechnet Dr. Nonne wurde gerufen, als es mit Lenin zu Ende ging. Ausgerechnet der strammdeutsche, nationalistische Neurologe Max Nonne aus Hamburg wurde von einem Emissär der sowjetischen Botschaft gebeten, Ende 1923 nach dem Revolutionsführer zu schauen, bevor der im Januar 1924 in Gorki bei Moskau starb.

Dabei hatte Nonne sich ein paar Jahre vorher noch vor kommunistischen Soldaten verstecken müssen, weil die ihn am Ende des Ersten Weltkriegs erschießen wollten. Die damalige Assistenzärztin Rahel Plaut hat auf Skizzen in ihrem Kalender die „Bolschewikenwagen“ festgehalten, mit denen sie das Gelände des Universitätskrankenhauses Eppendorf nach ihm absuchten. Grund genug hatten sie.

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Reifes Alter unter Palmen

Über: Camille Claudel - Auguste Rodin - Bernhard Hoetker

Dreieck des Impressionismus: Camille Claudel liebte Auguste Rodin und litt an ihm. Der Deutsche Bernhard Hoetger imitierte ihn. Die Alte Nationalgalerie zeigt nun, wie beide sich auf ihre Weise von ihm emanzipierten.

Ende 1905 standen zwei Namen auf dem Ausstellungsplakat der Pariser Galerie Eugene Blot, die auf den ersten Blick denkbar wenig miteinander zu tun hatten: Exposition d’Œuvres de Camille Claudel et de Bernard Hoetger. Camille Claudel war damals 41, also fast selbst so alt wie einst Auguste Rodin, als der die 24 Jahre jüngere Claudel als Schülerin annahm und schließlich die berühmt gewordene, konfliktive Liebesbeziehung mit ihr einging, die zum Zeitpunkt der Ausstellung allerdings längst beendet war. Das Jahr 1905 gilt vielmehr als der Moment, in dem die psychischen Leiden Claudels manifest wurden, derentwegen sie auf Druck ihrer Familie acht Jahre später in eine der psychiatrischen Einrichtungen zog, in denen sie den Rest ihres Lebens verbringen würde.

Bernhard Hoetger hingegen war zehn Jahre jünger, und obwohl sie seinen Namen auf dem Ausstellungsplakat mit aller Kraft französischer klingen lassen haben, sogar mit Ligatur aus O und E, so wie bei dem Wort Œuvre, war er doch unverkennbar ein Deutscher aus Dortmund. Während Claudel heute weltberühmt ist, wegen ihrer Skulpturen, aber auch wegen ihrer tragischen Geschichte mit Rodin, verbindet sich Hoetgers Name heute eher mit Bremen, wo er auf Engagement des mit Kaffee reich gewordenen Mäzens Roselius die Böttcherstraße zum expressionstisch-lebensreformerischen Kulturzentrum ausbaute. Als er später sogar versuchte, sich als besonders kerndeutscher Künstler den Nazis anzudienen, die ihn aber schon der Hitler verhassten „Böttcherstraßenkultur“ wegen ablehnten, hatte er sich maximal von seinem ersten Leben als Künstler entfernt. Continue reading

Stolpern Sie schön

Über: die 13. Berlin Biennale - und was sie klüger macht als die letzte Documenta

Kann schon sein, dass der Fuchs inzwischen ein passenderes Wappentier für Berlin abgäbe als der Bär. Seit der Bärenzwinger am Märkischen Museum abgeschafft wurde, sieht man auch hier nur noch welche im Zoo. Füchse dagegen sieht man überall, noch mehr als Wildschweine, nicht zuletzt rund um den Alexanderplatz. Die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst hat den Fuchs jedenfalls jetzt schon einmal zum Wappentier ihrer neuesten Ausgabe gemacht. Sie will aus dem renitenten Treiben der Wildtiere in der Großstadt ein Prinzip herauslesen, das sich mit dem Vorgehen von Künstlern in Beziehung setzen lässt.

Das deutsche Adjektiv „fuchsig“ geht dabei allerdings genau in die falsche Richtung, das englische „foxy“ in seinen sexuellen Konnotationen auch. Das Wort, das nun neu kreiert wurde, lautet vielmehr „foxing“ und soll bestimmte Taktiken des Verhaltens beschreiben: die alte Märchenmetapher der Listigkeit natürlich, dazu kommt eben die Renitenz, das nonchalante Hinwegsetzen über menschengemachte Regeln und Barrieren, eine huschende Beweglichkeit, die flüchtige Erscheinung im Scheinwerferkegel der Aufmerksamkeit. Continue reading