„Ich bin berühmt, ich bin ein Star, ich bin auf Facebook“

Über: Joachim Lottmann - Rafael Horzon - Popliteratur

Rafael Horzon lädt schon für den nächsten Tag zur Lesung von Joachim Lottmann in seinem Möbelladen auf der Torstraße in Berlin-Mitte. Und ausgerechnet da ist man zufällig gerade mal nicht in der Stadt, sondern auf Reisen. Die Mail kommt gleich dreimal hintereinander. Das verdeutlicht die Dringlichkeit des Ereignisses. Horzon ist ja nicht nur ein prominenter Berliner Designer, der Wikipedia gerichtlich untersagte, ihn als Künstler zu bezeichnen. Er ist auch einer der entscheidenden Kulturveranstalter, der zum Beispiel eben erst mit seinem komplett privat betriebenen Deutschen Design Museum der Stadt gegeben hat, was ihr mindestens seit der Schließung der Berliner Filiale des Vitra-Design-Museums fehlte. Außerdem hat er selbst Bestseller geschrieben (unter anderem „Das weiße Buch“), deren Leserschaft eine Schnittmenge mit der von Lottmann haben dürfte. Er verweist in allen drei E-Mails auf einen Artikel von Volker Weidermann aus der Zeit vom Oktober, aus dem die traurige Nachricht hervorging, dass der 69 Jahre alte Lottmann tödlich erkrankt sei. Sehr viel mehr neue Bücher wird man wohl nicht erwarten dürfen, öffentliche Auftritte noch weniger.

Es muss also auf der Stelle umgebucht und heimgeflogen werden. Die Familie ist konsterniert. Die Reise war lange geplant und gebucht, was soll da auf einmal wichtiger sein: „Joachim – wer?“ Continue reading

Der Über-Maler

Nachruf Arnulf Rainer, 96

Vielleicht muss man das Wort getrennt schreiben, das sich am meisten mit dem Werk von Arnulf Rainer verbindet. Die „Über-Malungen“, mit denen Rainer bekannt wurde, waren schließlich immer auch Reflexionen über das Malen. Und das, was da übermalt wurde, eigene Bilder, fremde Bilder, Fotos, die waren damit ja nicht weg, sondern die wurden durch die Übermalung nur noch sehenswerter: So wie wenn jemand mit dem Stift in einem Buch eine besonders wichtige Stelle dermaßen vehement anstreicht, dass sie kaum noch zu lesen ist. Mit Rainers Übermalungen verhielt es sich also gar nicht so viel anders als mit Hegels berühmter Dialektik des „Aufhebens“. Und das ist ja schon mal was für jemanden, der ein trotziger Autodidakt war, weil er amtlichen Unterricht im Malen so abstoßend fand.

Der 1929 in Baden bei Wien geborene Rainer hat selbst aktenkundig gemacht, dass er Anfang der 1940er eine Nazi-Eliteschule unter Protest verlassen habe, weil er dort im Kunstunterricht gezwungen werden sollte, nach der Natur zu zeichnen. Die Wiener Kunstakademie wiederum schmiss er nach drei Tagen, weil seine Arbeiten dort – Ende der 1940er-Jahre noch! – als „entartet“ bezeichnet worden seien. Continue reading

Augen zu und durch

Über: das Luxusgut Schlaf - 30 Jahre "Insomnia" - "L'empire du sommeil" in Paris

„I can’t get no sleep!“, erklärt der junge Mann höflich in die Kamera hinein, aber es klingt auch ein klitzekleines bisschen gereizt. So als hätte seine Mutter ihn eben gefragt, warum um Gottes willen er mitten in der Nacht in seinem besten Anzug durch die nicht unbedingt besten Gegenden von London geistert, statt schön im Bettchen zu liegen. Als er es zum dritten Mal sagt, kommt zur Belohnung diese zuckerig funkelnde Sandmännchen-Melodie heruntergeregnet, die den Song „Insomnia“ von der Band Faithless damals zu so einem Monsterhit gemacht hat.

Exakt 30 Jahre ist das jetzt her, November/Dezember 1995. Exakt 30 Jahre davor war übrigens „I can’t get no Satisfaction“ die Zeile aus London gewesen, die eine globale Stimmungslage auf den Punkt zu bringen schien. Aber im Winter 1995 hatte sich die Lage offensichtlich komplett gedreht, gerade auf den Dancefloors: Es waren viel zu viele Satisfaktionen und Satisfaktiönchen, die den Leuten verabreicht wurden, um an Schlaf überhaupt zu denken. Daran waren natürlich nicht nur DJs beteiligt, sondern oft genug auch Dealer. Continue reading

Licht, Farbe und sehr viel Spargel

Über: Carl Schuch - Städel Frankfurt - französische Malerei

Nicht weit von der sogenannten Anschlussstelle Ferch kommt man auf der Autobahn Richtung Berlin an großen Kiefernwäldern vorbei. Und ja, man kann sich diese Kiefernwälder dadurch noch ein bisschen schöner reden, dass man sie mit denen an der französischen Atlantikküste vergleicht, auch wenn dann trotzdem nicht Lacanau und der Ozean kommen, sondern nur Potsdam und die Havel, aber immerhin auch eine Parforceheide und ein Schloss Sanssouci und noch ein paar andere Dinge, denen man französische Namen verpasst hat. Dennoch ist es fast ein kleiner Schock, Landschaftsbilder aus Ferch am Schwielowsee direkt neben Gemälden aus den Schulen von Barbizon und Fontainebleau hängen zu sehen. Und ein „Siel bei Kähnsdorf“, heute gleich auf der anderen Seite der A10, neben einer „Schleuse im Tal von Optevoz“, Südostfrankreich. Continue reading

Der sturste Künstler, den Deutsches Reich, DDR und BRD je hatten

Über: Hermann Glöckner - Thomas Scheibitz - eine Hommage des einen an den anderen

Eine der erstaunlichsten Ausstellungen des Jahres findet gerade in München statt. Das geht schon damit los, dass es die Graphische Sammlung in der Pinakothek der Moderne ist, die sie ausgerichtet hat. Denn zu sehen sind zwar auch ein paar Grafiken, vor allem aber recht großformatige und großartige Gemälde sowie sehr, sehr viele Skulpturen.

Erstaunlich ist aber auch der Mut des Künstlers Thomas Scheibitz. Vor ein paar Jahren sah es zunächst sogar nach grobem Übermut aus. Scheibitz ist zwar spätestens seit seinem Auftritt im Deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig 2005 einer der international gefragtesten Künstler des Landes und hat in Ausstellungen zwischen New York und Seoul oft genug gezeigt, dass er in der Malerei so zu Hause ist wie in der Skulptur. Aber seine Arbeiten gleich mit denen von Picasso mischen? Continue reading