Erstaunlich, wie interessant die Retrospektive für On Kawara im New Yorker Guggenheim Museum ist. Das war nicht unbedingt zu erwarten, wenn einer sein Leben lang nichts als das aktuelle Datum auf Leinwände malt oder Telegramme mit der Mitteilung versendet, dass er am Leben sei, oder eine Million Jahre in Bücher einträgt. Zu erwarten gewesen wäre ein ehrfurchtgebietendes Monument, die eisige Erhabenheit eines Werkes, das dem Dasein in der Welt, dem Vergehen der Zeit und damit in letzter Konsequenz natürlich dem Warten auf den Tod gewidmet war. On Kawara hat seine Tage gezählt wie andere Leute Schäfchen vor dem Einschlafen. Continue reading
Autonomie und Autofahren
Die fahrerlosen Fahrzeuge werden kommen. Das ist so sicher wie die Tatsache, dass irgendwann das Reich Gottes kommt. Jedenfalls für die, die daran glauben. Oder, für die, die daran glauben, der Kommunismus. Das ist mit anderen Worten von jener Sorte Sicherheit, bei der diejenigen, die fest darauf setzen, erstaunlich ärgerlich werden können, wenn andere es an Begeisterung über die frohe Botschaft mangeln lassen.
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Schlund
Und plötzlich wartet man wieder auf eine Straßenbahn in die Innenstadt, wo eine Montagsdemo stattfinden soll, so wie damals, vor der Ewigkeit von 25 Jahren, als man auch schon kein kleiner Junge mehr war, aber doch immerhin noch ziemlich jung.
„Und plötzlich steht man wieder in der Stadt, in der die Eltern wohnen und die Lehrer und andre, die man ganz vergessen hat“, schrieb Erich Kästner mal in einem Gedicht mit dem Titel „Führung durch die Jugend“, und weil es eben ein Gedicht war, gab es auch einen Reim dazu: „Mit jedem Schritte fällt das Gehen schwerer.“ Kann sein, dass das an vielen Orten gilt. Aber da wo Kästner herkam, gilt es auf jeden Fall, denn über „das Glück, in Dresden aufgewachsen zu sein“, hat er zwar in seinen Kindheitserinnerungen ausführlich berichtet, aber wenn er als Erwachsener dahin zurückkehrte, im Roman oder im Gedicht, dann stand „der Fleischer Kurzhals“ immer noch vor seinem Haus und nickte zurück und sah verwundert aus: „Man kennt ihn noch. Er ist sich nicht im Klaren.“ Continue reading
UR in NYC
Wenn die Techno-Pioniere von Underground Resistance an einem Sonntagnachmittag um 15:30 Uhr die Bühne betreten, hätte man früher in Berlin gesagt: Der Samstagabend im „Tresor“ neigt sich seinem Höhepunkt zu. Wenn das gleiche in New York passiert, ist es eine Sonntagnachmittags-Veranstaltung im Museum of Modern Art, Außenstelle PS1. In New York, in den USA generell, haben Auftritte des Kollektivs aus Detroit aber auch den wesentlich größeren Seltenheitswert. Im Sinne von: Es passiert faktisch nie. Und dieser Umstand ist alleine schon ein Grund dafür, dass es Bitteres und Ernstes zu besprechen gab an diesem Nachmittag. Continue reading