Stolpern Sie schön

Über: die 13. Berlin Biennale - und was sie klüger macht als die letzte Documenta

Kann schon sein, dass der Fuchs inzwischen ein passenderes Wappentier für Berlin abgäbe als der Bär. Seit der Bärenzwinger am Märkischen Museum abgeschafft wurde, sieht man auch hier nur noch welche im Zoo. Füchse dagegen sieht man überall, noch mehr als Wildschweine, nicht zuletzt rund um den Alexanderplatz. Die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst hat den Fuchs jedenfalls jetzt schon einmal zum Wappentier ihrer neuesten Ausgabe gemacht. Sie will aus dem renitenten Treiben der Wildtiere in der Großstadt ein Prinzip herauslesen, das sich mit dem Vorgehen von Künstlern in Beziehung setzen lässt.

Das deutsche Adjektiv „fuchsig“ geht dabei allerdings genau in die falsche Richtung, das englische „foxy“ in seinen sexuellen Konnotationen auch. Das Wort, das nun neu kreiert wurde, lautet vielmehr „foxing“ und soll bestimmte Taktiken des Verhaltens beschreiben: die alte Märchenmetapher der Listigkeit natürlich, dazu kommt eben die Renitenz, das nonchalante Hinwegsetzen über menschengemachte Regeln und Barrieren, eine huschende Beweglichkeit, die flüchtige Erscheinung im Scheinwerferkegel der Aufmerksamkeit. Continue reading

Cate Blanchett, Western, Weltuntergang

Über: Julian Rosefeld - bewegte Bilder - eine Retrospektive im C/O Berlin

Da ist sie endlich wieder, Cate Blanchett als Grundschullehrerin, mit lieb ausgefranstem Pony, aber strengem Pädagogenton gegenüber ihren Erstklässlern: „Ich möchte, dass ihr euch merkt, was Jean-Luc Godard gesagt hat, okay?“ Die Klasse bejaht im Chor. Und Lehrerin Blanchett schreibt ihnen an die Tafel, dass es nicht darauf ankomme, wo man die Dinge hernehme, sondern was man aus ihnen mache. Darüber steht schon „Nothing is original“, ein Leitsatz von Jim Jarmusch. „Also klaut bitte von allem, was euch inspiriert oder eure Fantasie anregt, okay?“ Klasse: „Okay!“

„Nothing is Original“ ist jetzt auch der Titel dieser – allerdings sehr originellen – Werkschau von Julian Rosefeldt im C/O Berlin, der es vor mittlerweile auch schon wieder zehn Jahren geschafft hatte, die in Hollywood nicht gerade unterbeschäftigte Schauspielerin Cate Blanchett dafür zu gewinnen, nicht nur als Lehrerin, sondern auch als Rocksängerin, als Fox-News-Grinsekatze, als obdachloser Mann und in etlichen anderen Rollen künstlerische Manifeste aufzusagen. Continue reading

Wie aus dem Westen

Bisschen was zur Dialektik von Genormtem, Seriellem und Ideologischem anhand der Arbeiten von Andrea Pichl

Wenn im Sprachgebrauch der DDR jemand des Snobismus bezichtigt werden sollte, geschah das zum Beispiel dadurch, dass es hieß, derjenige ließe sich am Ende sogar die SED-Zeitung Neues Deutschland für „Westgeld“ über Genex liefern. Das Image eines systemerhaltenden Dekadenzphänomens war dieser Außenhandelsfirma tief eingeschrieben, weil sie im Alltag den wahren Charakter der DDR als Zweiklassengesellschaft sichtbar machte: Der fundamentale Unterschied bestand zwischen denen mit Zugang zu „Westgeld“ und denen ohne.[1] Normatives Ziel war eine Gesellschaft ohne. Die Normalität war aber eine mit. Und der Unterschied zwischen beidem, also dem Normativen und dem, was am Ende als normal galt, scheint sich auch wie ein roter Faden des Interesses durch das Werk der Künstlerin Andrea Pichl zu ziehen.[2] Er rührt tatsächlich aus der Geschichte der Normierung, die zum seriellen Bauen führen wird – aber eben auch die Grundlage von Versandhäusern mit ihren Bestellkatalogen ist.[3]

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August

Hanser (2021)

Neuer Roman. Ab 19.4.2021